Familie Epstein


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Eduard Epstein

  • Geboren am 13. August 1867 in Frankenthal
  • Ermordet am 17. April 1943 in Theresienstadt

Emma Epstein, geb. Hirsch

  • Geboren am 17. Januar 1874 in Neuss am Rhein
  • Gestorben am 9. Februar 1956 in Vevey (Schweiz)

Kurt Paul Epstein

  • Geboren 1903 in Mainz
  • Ermordet am 21. August 1942 in Auschwitz

Vom Boykott zur Enteignung der jüdischen Bevölkerung

Die nationalsozialistische Propaganda stellte jüdische Bürger*innen als Gefahr für das ‚deutsche Blut‘ dar. Das NS-Regime versuchte vor allem bei nicht-jüdischen Unternehmer*innen Neid auf die jüdischen Konkurrent*innen zu schüren. Durch gezielte Propagandamaßnahmen versuchte die NSDAP, Kund*innen einzureden, dass sie besser in ‚arischen‘ Geschäften kaufen sollen. Um gezielter vorzugehen, organisierte die NSDAP in Mainz – und auch in einigen anderen Städten – am 9. März 1933 einen ersten Boykott gegen Warenhäuser jüdischer Besitzer*innen. Auch die Zeitungen griffen dieses Vorgehen auf und hetzten gegen jüdische Bürger*innen. Für Samstag, den 1. April 1933 rief die NSDAP dann reichsweit zu einem Boykott gegen jüdische Geschäfte, Rechtsanwält*innen und Ärzt*innen auf. Auch in Mainz zogen an diesem Tag SA-Einheiten durch die Stadt und postierten sich vor Geschäften und Praxen und brachten Aufschriften an wie „Jüdisches Unternehmen“, „Achtung, Jude! Betreten verboten!“ oder „Deutsche, kauft nur in deutschen Geschäften“. Zahlreiche kleinere Geschäfte und Unternehmen wurden durch den fortlaufenden schleichenden Boykott wirtschaftlich so stark beschädigt, dass sie nicht bestehen konnten. Die jüdischen Besitzer*innen mussten ihre Geschäfte schließen oder weit unter Wert verkaufen. Auch das Möbelhaus der Familie Epstein wurde zum Aufgeben gezwungen. Ab Herbst 1937 wurde das Vorgehen gegen noch bestehende jüdische Unternehmen noch verstärkt. Die sogenannte ‚Arisierung‘ – also die Enteignung jüdischer Bürger*innen – wurde von diesem Zeitpunkt an staatlich gelenkt. Verkaufspreise wurden somit behördlich festgesetzt und Geschäfte mussten weit unter Wert an ‚arische‘, staatstreue, zumeist NSDAP-Mitglieder, verkauft werden.


Eduard Epstein wurde am 13. August 1867 im pfälzischen Frankenthal geboren und zog in den 1890er-Jahren nach Mainz. 1899 heiratete er Emma Hirsch, die am 17. Januar 1874 in Neuss am Rhein das Licht der Welt erblickt hatte. Das Paar hatte vier Söhne: Max, Alfred, Kurt Paul und Erwin Erich. Sie wuchsen in einem liberalen Klima auf und erhielten eine gute Schulbildung.

Eduard Epstein war Kaufmann von Beruf und Inhaber eines Warenhauses, das sich, ebenso wie die Wohnung der Familie, anfangs in der Großen Bleiche, Ecke Löwenhofstraße, befand. 1908 erwarb er das Anwesen Bahnhofstraße 5 und verlegte sein Geschäft dorthin; auch die Wohnung der Familie befand sich nun hier in diesem Haus. Die Firma führte zunächst den Namen „Warenhaus L. Epstein“; nach der Inflation 1923 wurde sie in „Möbelhaus L. Epstein“ umbenannt.

Möbelhaus L. Epstein

Während der Rhein-Ruhr-Krise und des passiven Widerstands als Protest gegen die französische Politik wurde Eduard Epstein am 29. Mai 1923 mit seiner Familie von den Franzosen ins unbesetzte Gebiet nach Darmstadt ausgewiesen. Nur Max, der älteste Sohn, durfte in Mainz bleiben und führte das Geschäft weiter. Die Ausweisung dauerte länger als ein Jahr. Erst während des zwangsweisen Aufenthaltes in Darmstadt stellte Eduard Epstein den Antrag auf Aufnahme in den hessischen Staatsverband. Bis dahin besaß er aufgrund der Herkunft seines Vaters – der stammte aus Kraskau in Oberschlesien – die preußische Staatsangehörigkeit. Der Ausgewiesene erhielt nun nicht nur die hessische Staatsbürgerschaft, sondern auch ein Schreiben des hessischen Staatspräsidenten Carl Ulrich, in dem ihm dieser dafür dankte, dass er der „deutschen Sache mannhaft und treu gedient habe“. Leider nutzte ihm dies alles nach 1933 nichts; Eduard Epstein wurde von den Nationalsozialisten sogar als „Separatist“ verdächtigt und in der Presse öffentlich angeprangert.

Bald nachdem die Epsteins aus Darmstadt nach Mainz im Februar 1925 zurückgekehrt waren,  wurde die Familie von einem schweren Schicksalsschlag getroffen: Der geliebte älteste Sohn Max, zum Nachfolger des Vaters im Familienunternehmen ausersehen, nahm sich wegen einer unglücklichen Liebesbeziehung, die vom Vater missbilligt worden war, das Leben. Er fand auf dem Neuen jüdischen Friedhof seine letzte Ruhestätte. Alfred, der Zweitälteste, unterstützte nun den Vater im Geschäft.

Als im Sommer 1930, nach dem vorzeitigen Abzug der französischen Besatzungstruppen, auch in Mainz eine Sturmabteilung innerhalb der Ortsgruppe des Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold aufgebaut wurde, um die Weimarer Republik gegen ihre Feinde zu verteidigen, schlossen sich die Söhne Alfred und Erwin sofort dieser Organisation an. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht gelangt waren und begannen, ihre politischen Gegner*innen zu verhaften und in frühen Konzentrationslagern wie Osthofen in Schutzhaft zu nehmen, waren die aktiven Mitglieder des Reichsbanners besonders bedroht. Alfred und Erwin Epstein flohen deshalb nach Paris. Ihr Bruder Kurt floh in die Niederlande.

In Paris hielt sich Alfred mühsam mit verschiedenen Hilfsarbeiten über Wasser. Sein Bruder Erwin meldete sich 1936 als Freiwilliger für den Spanienkrieg, um auf der Seite der Republik zu kämpfen. Er wurde von den Franco-Truppen getötet. Nach Kriegsbeginn im September 1939 ordnete die französische Regierung die Internierung aller „feindlichen Ausländer“ an. Junge wehrtüchtige Männer erhielten allerdings das Angebot, sich freiwillig zur Fremdenlegion zu melden und dadurch dem Internierungslager zu entgehen. So entschied sich Alfred Epstein für den Dienst in der Fremdenlegion.

Die Niederlande boten nach der deutschen Besetzung des Landes keine sichere Zuflucht mehr. Im Mai 1940 wurde Kurt Epstein zusammen mit seiner Frau Ilona, geborene Silberberg, die er in Amsterdam geheiratet hatte, verhaftet und mit dem ersten Transport vom Lager Westerbork am 15. Juli 1942 nach Auschwitz deportiert. Dort wurde er am 21. August 1942 ermordet; im Totenschein wurde „Herzmuskelinsuffizienz“ eingetragen.

Die Eltern, Eduard und Emma Epstein, waren alleine in Mainz zurückgeblieben. Eduard Epstein wurde gezwungen, sein Geschäft zu schließen. Schließlich mussten die beiden alten Leute auch ihre Wohnung in der Bahnhofstraße 5 verlassen und wurden in den ‚Judenhäusern’ Hindenburgstraße 40 und zuletzt in der Margaretenstraße 37 in qualvoller Enge einquartiert. Am 27. September 1942 wurden sie von Mainz über Darmstadt nach Theresienstadt deportiert. Eduard Epstein verhungerte wenige Monate später. Emma Epstein überlebte das Lager.


Foto: HdE

Verfasserin: Hedwig Brüchert

Redaktionelle Bearbeitung: HdE


Literaturhinweise:

Knigge-Tesche, Renate & Brüchert, Hedwig: Der Neue Jüdische Friedhof in Mainz. Biographische Skizzen zu Familien und Personen, die hier ihre Ruhestätte haben. Mit einem Beitrag zur Trauerhalle von Ansgar Brockmann (Sonderheft der Mainzer Geschichtsblätter). Mainz 2013.

Epstein, Alfred: Nicht an die Güter häng‘ dein Herz! Erinnerungen an meine Mainzer Jahre, in: Mainzer Vierteljahreshefte, Teil I: 11. Jg. (1991), Heft 1, S. 128–135; Teil II: 11. Jg. (1991), Heft 2, S. 126–133; Teil III: 11. Jg. (1991), Heft 3, S. 112–120.

Alfred Epstein – Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Mainz 1962 bis 1978, in: Berkessel, Hans; Brüchert, Hedwig; Dobras, Wolfgang; Erbar, Ralph und Teske, Frank (Hrsg.): Leuchte des Exils. Zeugnisse jüdischen Lebens in Mainz und Bingen, Mainz 2016, S. 139 f.



Foto: HdE

Die Stolpersteine wurden am 8. November 2017 in der Bahnhofstraße 5 verlegt.

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