Erna Metzger und Familie



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Erna Metzger, geb. Epstein

  • geboren am 24. Februar 1899 in Mainz
  • Flucht 1937 nach Frankreich; Flucht aus Versailles vor deutschen Truppen; gestorben am 21. Juni 1940

Lotte Metzger

  • geboren am 13. Juni 1923 in Mainz
  • Flucht 1937 nach Frankreich; Flucht aus Versailles vor deutschen Truppen; gestorben am 21. Juni 1940

Ursula Metzger

  • geboren am 23. Juli 1927 in Mainz
  • Flucht 1937 nach Frankreich; Flucht aus Versailles vor deutschen Truppen; gestorben am 21. Juni 1940

Arnold Metzger

  • geboren am 10. April 1930 in Mainz
  • Flucht 1937 nach Frankreich; Flucht aus Versailles vor deutschen Truppen; gestorben am 21. Juni 1940

Erna Metzger wurde am 24. Februar 1899 als ältestes von vier Kindern von Ludwig und Ida Epstein geboren. Die Familie wohnte in der Flachsmarktstraße 7. Ludwig Epstein war Kaufmann und viele Jahre lang ehrenamtlicher Beigeordneter der Stadt Mainz. 1933 wurde er gezwungen, dieses Amt aufzugeben.
Erna heiratete im Jahr 1922 den Mainzer Kaufmann Richard Jakob Metzger. Die drei Kinder des Paares, Lotte, Ursula und Arnold, wurden 1923, 1927 und 1930 geboren. Richard Metzger war Mitinhaber der Terrain-Gesellschaft am Michelsberg Nr. 6, wo die Familie bis 1936 im 2. Stock wohnte. Ein Teil dieses Anwesens gehörte übrigens Kommerzienrat Felix Ganz, Inhaber der Teppichhandlung Ganz in der Ludwigsstraße/Ecke Schillerplatz, der 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde. 1936 gab Richard Metzger diesen Wohnsitz auf. Wegen der geplanten Auswanderung verkaufte er wohl seinen Anteil an der Terraingesellschaft. Die Familie zog in die Hindenburgstraße 53 um. Ernas Eltern, Ludwig und Ida Epstein, emigrierten 1937 mit dem jüngsten Sohn Rolf in die Schweiz. Dorthin ging auch Richard Metzger mit Frau und Kindern, allerdings nur als Zwischenstation, da er in die USA auswandern wollte. Deshalb verließen er und seine Familie die sichere Schweiz nach wenigen Wochen und zogen nach Versailles bei Paris, um die Ausreise in die USA vorzubereiten. Das weitere Schicksal von Richard Metzger ist unbekannt. Wahrscheinlich reiste er voraus in die USA. Auf jeden Fall blieb seine Familie in Versailles zurück. Der Kriegsausbruch vereitelte dann ihre Ausreise. Als die deutsche Wehrmacht im Frühsommer 1940 große Teile Frankreichs besetzte, befanden sich Erna und ihre drei Kinder noch immer in Versailles.


Die Besetzung Frankreichs und das Vichy-Regime

Der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Paris am 14. Juni 1940 brachte die französische Regierung dazu, Hitler um einen Waffenstillstand zu ersuchen. Dieser Waffenstillstand zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich wurde am 22. Juni 1940 in demselben Eisenbahnwaggon bei Compiègne unterzeichnet, in dem auch 1918 die deutsche Kriegsniederlage besiegelt worden war. Daraufhin beschloss die französische Nationalversammlung infolge einer vorausgegangenen Abstimmung am 10. Juli 1940 das Ende der Dritten Republik und übergab sämtliche Regierungsvollmachten an Philippe Pétain. Diese ‚Revolution von oben‘ errichtete das Vichy-Regime, das in den folgenden Jahren durch eine „konservativ-autoritäre Politik“ (Prauser 2011, S. 97) auffiel. Ohne überhaupt Befehle und Handlungsanordnungen der deutschen Wehrmacht erhalten zu haben, schränkte das Vichy-Regime die Rechte und Freiheiten von Jüdinnen*Juden, Kommunist*innen und der Opposition stark ein. Des Weiteren erfolgte eine enge Kollaboration mit dem NS-Regime in der Frage der Deportation nicht-französischer Jüdinnen*Juden sowie bei der Bekämpfung der französischen Widerstandsbewegungen.
Die Deportation von Jüdinnen*Juden aus Frankreich erfolgte bis zum November 1942 nur aus dem nördlichen, besetzten Teil Frankreichs. Ende des Jahres 1942 wurden nach der Besetzung des südlichen Teil Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht auch von dort aus Jüdinnen*Juden deportiert. Insgesamt wurden 73.000 Jüdinnen*Juden aus Frankreich deportiert. 250.000 konnten sich der Deportation entziehen.


In den ersten Tagen und Wochen nach der Besetzung, als Millionen von Menschen, darunter viele Emigrant*innen, aus Paris und Umgebung in den unbesetzten Süden zu fliehen versuchten, herrschten chaotische Verhältnisse. Es kam zu vereinzelten Kampfhandlungen und Sprengungen. Erna Metzger und ihre drei Kinder befanden sich auf der Flucht vor den Deutschen auf einer Brücke bei Versailles, als diese einstürzte. Alle Vier starben. Als Todesdatum wurde später im Mainzer Familienregister der 21. Juni eingetragen, gemäß einer Mitteilung des Gerichts der Feldkommandantur 758 Versailles vom 15. August 1940. Als besonders makaber mutet es an, dass Richard Metzger mit Frau und Kindern laut Mitteilung der Geheimen Staatspolizei Mainz ein Jahr später, am 2. Mai 1941, als deutsche Staatsangehörige ausgebürgert wurden.

Levi Cohen (Lutz Kahn), einem Neffen von Erna Metzger (seine Mutter Alice, geb. Epstein, war Ernas Schwester), lag die Erinnerung an das Schicksal seiner Tante, seiner Cousinen und seines Cousins ein Leben lang am Herzen. Er hatte 1936/37 als Zehnjähriger einige Zeit bei Tante und Onkel Erna und Richard Metzger in der Hindenburgstraße 53 gewohnt, bevor er mit einem Schülervisum nach Palästina auswanderte. Er starb 2015. Deshalb regte seine Witwe, Lia Cohen, seinem Wunsch entsprechend, das Setzen von Stolpersteinen für Erna, Lotte, Ursula und Arnold Metzger an.



Verfasserin: Dr. Hedwig Brüchert

Redaktionelle Bearbeitung: HdE



Literaturhinweise:

Brakel, Alexander: Der Holocaust. Judenverfolgung und Völkermord. Berlin 22012 (Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, Bd. 9).

Liehr, Günter: Frankreich. Eine Nachbarschaftskunde, Berlin 2007.

Prauser, Steffen: Frankreich. Résistance gegen Kollaboration und Besatzungsmacht, in: Ueberschär, Gerd R. (Hrsg.): Handbuch zum Widerstand gegen Nationalsozialismus und Faschismus in Europa 1933/39 bis 1945, Berlin 2011.




Die Stolpersteine wurden am 5. September 2016 in der Hindenburgstraße 53 verlegt.


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