Bertha, Ernst und Heinz Leopold Schlösser


Bertha und Ernst Schlösser, um 1937

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© privat



Bertha Schlösser, geb. Stern

  • geboren am 14. Dezember 1887 in Wieseck
  • am 20. März 1942 nach Piaski deportiert

Ernst Schlösser

  • geboren am 16. Januar 1884 in Sörgenloch
  • am 20. März 1942 nach Piaski deportiert

Heinz Leopold Schlösser

  • geboren am 16. August 1921
  • Flucht 1938 in die USA

Ernst Schlösser wurde am 16. Januar 1884 als jüngstes von vier Kindern des Viehhändlers David Schlösser und seiner Frau Karoline (geb. Rothschild) in Sörgenloch geboren. Nach der Volksschule besuchte er die Oberrealschule in Mainz, die er mit der mittleren Reife abschloss. Anders als seine Brüder stieg er nicht in das Viehgeschäft ein, sondern begann 1902 seinen Vorbereitungsdienst für das mittlere Justizfach am Amtsgericht Mainz. Die Prüfung für mittlere Justizbeamte bestand er mit guten Ergebnissen. Von 1908 bis 1912 arbeitete er als Justizobersekretär am Amtsgericht Mainz, wo ihm im Juni 1912 ein exzellentes Zeugnis ausgestellt wurde, das seinen großen Fleiß, seine enorme Gewissenhaftigkeit und seine musterhafte dienstliche Führung bescheinigte. In diesem Jahr wechselte er in gleicher Funktion an das Amtsgericht in Wöllstein, wo er auch wohnte. Zu dieser Zeit muss er seine künftige Frau Bertha kennengelernt haben.

Bertha wurde am 14. Dezember 1887 in Wieseck (bei Gießen) als jüngste Tochter des Viehhändlers Löb Stern und seiner Frau Sette (geb. Kehrmann) geboren. Ihr Vater starb zwei Jahre nach ihrer Geburt im Alter von 50 Jahren. Nach der Schule zog Bertha nach Worms, um dort als Verkäuferin zu arbeiten.

Ernst und Bertha Schlösser, um 1937 © privat

Ernst und Bertha verlobten sich im Dezember 1912. Nachdem Ernst Schlösser im März 1913 zum Bürohilfsarbeiter bei der Stadt Mainz ernannt worden war, heirateten er und Bertha am 18. August 1913 in Frankfurt. Trauzeugen waren ihr Bruder Julius und Ernsts Bruder Alfred, die wie ihre Väter Viehhändler waren. Seine erste gemeinsame Wohnung bezog das Paar in der Wallaustraße 1 (2. Stock). Am 26. Mai 1914 wurde ihre Tochter Lieselotte, genannt Lolo, geboren. Sieben Jahre später, am 16. August 1921, kam ihr Sohn Heinz Leopold zur Welt. Möglicherweise stand die späte Geburt ihres zweiten Kindes in Zusammenhang mit der Erfindung des Insulins 1921. Denn als Diabetikerin war Bertha vorher sicher starken gesundheitlichen Einschränkungen ausgesetzt. Passend dazu beschrieb ihr Mann Ernst die Stimmungsschwankungen seiner Frau als „himmelhochjauchzend zu Tode betrübt“. Auch ihr Sohn Heinz erinnerte sich noch viele Jahre später an die emotionalen Auseinandersetzungen, die „Mutti“ mit seiner Schwester führte.

Währenddessen machte Ernst Schlösser Karriere bei der Stadt. 1915 wurde er vom Bürgermeister erst zum Stadtsekretär ernannt, dann stieg er zum Verwaltungsinspektor und schließlich zum Verwaltungsoberinspektor auf. 1929 wurde er schließlich zum Verwaltungsamtsmann ernannt. Ernst Schlösser war belesen, interessiert an Kunst und Kultur und besuchte mit seiner Frau häufig die Oper oder Konzerte. Heinz beschrieb seinen Vater als eleganten Mann mit Stock und Zylinder, der auf ein gepflegtes Erscheinungsbild und eine gute körperliche Kondition achtete. Er ging zu Fuß zur Arbeit und sonntags machte er mit seiner Familie Wanderungen im Taunus. Jedes Jahr fuhr er mit Bertha zur Bäderkur nach Bad Neuenahr oder Bad Nauheim und im Sommer mit der ganzen Familie in die Schweizer Berge. Die Schlössers führten ein gut situiertes Leben in der jüdischen Mittelschicht von Mainz. Sie waren Mitglieder der Hauptsynagoge und lebten die jüdischen Traditionen. Die Familie hatte auch ein Hausmädchen, Maria, das sich nicht nur um den Haushalt kümmerte, sondern auch auf Heinz aufpasste, wenn seine Eltern außer Haus waren.

1924 zog die Familie samt Hausmädchen in die Albinistraße 1 (2. Stock), direkt gegenüber des Realgymnasiums (heutiges Schlossgymnasium), das Heinz nach der Volksschule besuchen sollte. Als er im Alter von 10 Jahren in die weiterführende Schule mit reinen Jungenklassen kam, gefiel ihm das überhaupt nicht. Das strikte Regiment regte ihn vielmehr zu Provokationen gegenüber den Lehrkräften an, die regelmäßig mit dem Rohrstock geahndet wurden. Ab 1933 steigerten sich die Bestrafungen der Lehrer noch und seine Mitschüler begannen zudem, ihn zu schlagen. Zuhause erzählte Heinz davon nichts. Er fühlte sich zunehmend ausgeschlossen und isoliert, was er als Heranwachsender als extrem schmerzhaft empfand. Nur sein Freund Werner traf sich weiterhin mit ihm, wenn auch an entlegenen Orten, um beide nicht in Gefahr zu bringen.

Auch zuhause änderte sich das Leben der Familie mit der ‚Machtübernahme‘ Hitlers im Januar 1933 grundlegend. Im März des gleichen Jahres wurde Ernst Schlösser aus dem Beamtentum ausgeschlossen und in den frühzeitigen Ruhestand versetzt, sehr zur Beruhigung seiner Frau Bertha, die vor allem die Repressalien und Gewalt auf der Straße beängstigten. Zu dieser Zeit waren die Kinder Heinz und Lolo 12 und 19 Jahre alt, Ernst Schlösser selbst erst 49. Die stark veränderten Einkommensverhältnisse waren vermutlich der Grund, weshalb die Familie 1933/34 in die Adam-Karrillon-Straße 66 (2. Stock) zog. Auch das Hausmädchen Maria durfte seit 1934 nicht mehr für sie arbeiten.

1936 begann Ernst Schlösser eine Bürotätigkeit für die Reichsvertretung der Juden in Deutschland (Abteilung Zentralwohlfahrtsstelle), die mit 150 Mark bezahlt wurde. Das war nicht viel mehr als der Wohngeldzuschuss, den er neben seiner kleinen Pension erhielt. Lolo, zu der Zeit bereits 22 Jahre alt, verlobte sich im gleichen Jahr mit Kurt Mann, einem Mainzer Juden, bevor sie im Dezember 1936 nach Amerika emigrierte. Kurz darauf kam Kurt nach und die beiden heirateten am 8. September 1937 in Kansas City, Missouri. 1938 zogen Ernst, Bertha und Heinz Schlösser noch einmal um, diesmal in die Leibnizstraße 35 (2. Stock).

Ernst und Bertha Schlösser, um 1938 © privat

Als Heinz aufgrund der antijüdischen Gesetze der Nationalsozialisten aus dem staatlichen Realgymnasium ausgeschlossen wurde, besuchte er für kurze Zeit die jüdische Schule an der Hauptsynagoge. In den gemischten Klassen und mit wohlwollenden Lehrkräften gefiel es ihm viel besser, auch wenn er wenig Motivation zum Lernen zeigte. Für kurze Zeit schickte sein Vater ihn nach Pirmasens, damit er eine praktische Ausbildung erhielte. Er lernte, wie man Schuhleder zuschneidet. Aber dann entschieden Ernst und Bertha, ihn ebenfalls nach Amerika zu schicken. Die Ausreise des Sohnes bereitete Ernst Schlösser sorgfältig vor. Er engagierte eine Englischlehrerin und ließ ihm eine großzügige Garderobe für alle Gelegenheiten schneidern, die zusammen mit Lolos Aussteuer-Möbeln verschifft wurden. Heinz liebte seinen gelassenen „Pappeli“, der immer zu Späßen aufgelegt war und lustige Sprüche wie „Von hinten ein Lyzeum, von vorne ein Museum“ oder „Jedes Böhnchen hat ein Tönchen“ zum Besten gab. Selbst als Ernst Schlösser seinen 16-jährigen Sohn für die große Überfahrt nach Hamburg brachte, blieb er äußerlich gelassen.

Doch die Zeit vor der Ausreise war auch geprägt von Angst und Schrecken. Noch 50 Jahre später erinnerte sich Heinz, der sich längst Harvey nannte, an eine besonders sadistische Situation in der Mainzer Polizeibehörde. Dort musste er sich den erforderlichen Stempel für seine Ausreisepapiere abholen. Der zuständige Polizeibeamte zwang ihn zuerst den für Juden verbotenen Hitler-Gruß zu zeigen, schlug ihn dann zur Strafe dafür und ließ ihn im Anschluss auf Knien um seinen Stempel betteln, bevor er ihn mit einem Fußtritt aus dem Büro warf. Seine Einwanderung nach Amerika verdankte Heinz Schlösser, ebenso wie seine Schwester Lolo, dem jüdischen Geschäftsmann Herrn Uhlmann. Dieser hatte für ihn gebürgt und so ihm und anderen Juden*Jüdinnen das Leben gerettet.

Heinz Schlösser 1937 © privat

Mit 10 Mark in der Tasche kam Heinz Schlösser im April 1938 mit der S.S. Manhattan in New York an. Dort wohnte er für ein paar Wochen bei seiner Tante Lina und ihrem Mann Isidor, bevor er weiter zu seiner Schwester und ihrem Mann nach Kansas City fuhr. In der ersten Zeit wohnte er bei Lolo und Kurt Mann. Lolo hatte bereits die ersten Aushilfsstellen für Heinz organisiert, sodass Heinz Schlösser schnell in ein möbliertes Zimmer ziehen konnte.

Mit einer Stelle als Lagerarbeiter bei Lee Wald Garment Company, einer Firma für Jungenbekleidung, einer günstigen Miete und ausgestattet mit ausreichend Kleidern von seinen Eltern, konnte er sogar noch etwas von seinem Lohn sparen. Damit ging er gerne ins Kino, statt in die Abendschule, wie Lolo und seine Eltern annahmen. Im Kino erweiterte er seine Englischkenntnisse durch Sätze wie „Your money or your life“ und im Drugstore um die Ecke lernte er Eiscreme, Milchshake und Deodorant kennen. Freunde fand er auch, wie z. B. seinen besten Freund Libby Turini, der ihm das Autofahren beibrachte, mit ihm in den Urlaub fuhr und überhaupt eine wichtige Rolle bei seiner Amerikanisierung spielte.

Während Heinz und Lolo sich langsam in der neuen Welt zurechtfanden, waren ihre Eltern Ernst und Bertha massiven Einschränkungen ausgesetzt. 1940 wurden sie zwangsweise in ein sogenanntes ‚Judenhaus‘ in der Kaiserstraße 32 umgesiedelt. Sie lebten auf engstem Raum in einem Zimmer mit einer Küche, die sie auch als Bad nutzen mussten. Nichtsdestotrotz engagierte sich Ernst Schlösser weiter und arbeitete als Bezirksstellenleiter zur Betreuung der Juden in Mainz. Als sie 1941 in ein anderes ‚Judenhaus‘ in der Hindenburgstraße 38 umziehen mussten, entschloss sich Ernst, mit seiner Frau Bertha das Land zu verlassen. Sein Bruder Alfred war schon im Juni 1939 nach Südafrika geflohen, seine Schwester Lina lebte bereits in New York.

Am 28. Oktober 1941 beantragte Ernst Schlösser die Reisepässe beim Polizeipräsidenten der Stadt Mainz und bat den Oberbürgermeister um die Genehmigung, seinen Wohnsitz und den seiner Frau ins Ausland verlegen zu dürfen. Er plante Anfang Dezember über Kuba nach Amerika zu emigrieren, da die amerikanischen Konsulate in Deutschland geschlossen waren. Aber die Auflagen der Behörden waren hoch und die politische Situation für die jüdische Bevölkerung spitzte sich immer weiter zu. Ernst und Bertha Schlösser mussten in kürzester Zeit Reisepässe, Ausreisegenehmigung, Unbedenklichkeitsbescheinigungen und andere Unterlagen von den unterschiedlichsten Stellen organisieren. Der Oberbürgermeister sagte zwar dem Reichsstatthalter in Hessen zu, auf die Erfüllung der Voraussetzungen für die Ausreise zu achten, aber schließlich war es der Polizeipräsident in Mainz, der Ernst und Bertha Schlösser die erforderlichen Reisepässe Ende November verweigerte. Damit erhielten die Schlössers auch nicht den notwendigen Ausreisesichtvermerk durch den Reichsstatthalter und der Oberbürgermeister konnte die Verlegung des Wohnsitzes ins Ausland nicht genehmigen. Am 11. Februar 1942 schloss er die Akte Schlösser ab. Am 20. März 1942 wurden Ernst und Bertha Schlösser nach Piaski deportiert. Zu diesem Zeitpunkt war Ernst 58 Jahre alt und Bertha 55. Über ihr Schicksal ist nichts Genaues bekannt Es ist aber anzunehmen, dass Bertha wegen ihres Diabetes den Transport nicht überlebt hat. Zudem herrschten im Ghetto in Piaski unmenschliche Bedingungen in eisiger Kälte und Schnee. Ernst arbeitete selbst dort noch für den Judenrat, bevor er im November 1942 nach Sobibor deportiert wurde. Im Juni 1950 setzte das Amtsgericht Mainz den Tod von Ernst und Bertha Schlösser auf den 1. März 1943 fest.

Harvey Schlösser in der Uniform der US-Armee © privat

Ihr Sohn Heinz hatte sich bereits im Dezember 1940 bei der amerikanischen Armee verpflichtet. Da er zu der Zeit noch unter dem Einberufungsalter lag und das Einverständnis seiner Eltern brauchte, hatte sich Lolo Schlösser als seine Mutter ausgegeben und den Bescheid unterschrieben. Heinz wurde zunächst an allen Waffen ausgebildet, arbeitete sich zum Ausbilder im Marschieren und Schießen bei der Infanterie hoch und kam im Januar 1945 mit seiner Einheit über Frankreich nach Deutschland. Hier übersetzt er für seinen Major in den besetzten Gebieten, geriet in Hinterhalte, sah seine Kameraden sterben und erlebte das brennende Mainz, als er mit den amerikanischen Truppen den Rhein überquerte. Auch bei der Befreiung des Buchenwald-Außenlagers Ohrdruf war er dabei.

Nach Kriegsende arbeitete er als Übersetzer bei einem Standgericht, kam zum Bataillon für Aufklärung und Nachrichtendienst und befragte einige Nazi-Größen im Auftrag der amerikanischen Armee. Später verfolgte er alle Prozesse. Über das leidvolle Schicksal seiner Eltern erfuhr er erst 1990 bei einem Besuch in Mainz und hörte, welchem Hass sie ausgesetzt und wie grausam sie zur Deportation zusammengetrieben worden sein mussten.

Obwohl Heinz als junger Soldat mit großem Leid, Todesängsten und sogar mit Antisemitismus konfrontiert war, empfand er die Armee als zweite Familie. Dort erlebte er Abenteuer, fand Kameradschaft und lernte über das Leben und seine Unwegsamkeiten. Als er dank eines wohlwollenden Vorgesetzen für kurze Zeit seinen Militärdienst gegen das College tauschen durfte, lernte er seine künftige Frau Pat kennen. Sie verlobten sich nach kurzer Zeit und nach dem Austritt aus der Armee am 23. Dezember 1945 heirateten sie eine Woche später am 31. Dezember 1945.

Was dann folgte, hört sich wie der amerikanische Traum an. Heinz Schlösser wurde trotz fehlender Schulbildung – er hatte in Mainz lediglich die 8. Klasse besucht – im Januar 1946 an der Universität von Oklahoma aufgenommen. Dort absolvierte er College und Studium und wurd promovierter Psychiater und Psychoanalytiker an der Menninger Klinik in Topeka, Kansas. Mit seiner Frau Patricia, einer späteren Kinderärztin, bekam er fünf Kinder und führte nach eigenen Aussagen ein glückliches Leben. Zu seiner Heimatstadt Mainz behielt er ein positives Verhältnis. Er verbrachte Urlaube in Deutschland und zeigte seiner Familie die Stätten seiner Kindheit. Zum Judentum, das er häufig als Makel und Anlass für Diskriminierung erlebt hatte, fand er nicht mehr zurück. Heinz starb 2016 im Alter von 92 Jahren. In seiner Autobiografie von 1994 fasst er sein Leben mit einer bewundernswerten positiven Haltung zusammen:

„Wenn es keinen Hitler gegeben hätte – wäre ich in Deutschland geblieben; wenn es keinen Krieg gegeben hätte – hätte ich weiterhin als Lagerjunge bei Lee Wald Garment Co. in Kansas City gearbeitet; hätte ich nicht Hauptmann Sherman in Ft. Warren, Wyoming, beleidigt – hätte ich vielleicht den ganzen Krieg dort verbracht und Köche und LKW-Fahrer im Marschieren und Schießen ausgebildet; wenn bei meiner Ankunft in Camp Barkley kein Kompaniechef anwesend gewesen wäre – wäre ich ein feindlicher Ausländer geblieben, wenn nicht jemand in derselben Einheit festgestellt hätte, dass mein IQ etwas höher war als der des durchschnittlichen Infanteristen, wäre ich […] in Camp Barkley geblieben; wenn es keinen alkoholkranken Feldwebel in der Spezialeinheit der Armee in Stillwater, Oklahoma, gegeben hätte, der in meinen Unterlagen gesehen hat, dass ich Ausbilder war – wäre ich schnell an ein anderes College versetzt worden; wenn ich nicht beim Schwesternschaftshaus an der Oklahoma A&M Universität Runden gedreht hätte – hätte mich Pat vielleicht nicht bemerkt, die ein Blind Date arrangierte, und mein Leben wäre eine leere, einsame Erfahrung gewesen.“



Text: Christine Schwarz

Redaktionelle Bearbeitung: HdE




Der Stolpersteine für die Familie Schlösser wurden am 8. September 2025 in der Leibnizstraße 35 verlegt.

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