Otto Hirsch


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Kurzbiografie:

  • geboren am 28. September 1891 in Neuwied
  • 1943 im Gefängnis in Mainz inhaftiert
  • 1943 nach Auschwitz deportiert
  • ermordet am 25. August 1943

Otto Hirsch wurde am 28. September 1891 als Sohn des jüdischen Mainzer Kaufmanns Louis Hirsch in Neuwied geboren, lebte in Mainz und wohnte in der Moselstraße 7 in der Neustadt. Er war von Beruf Schaufensterdekorateur. Wie viele andere patriotisch eingestellte Juden meldete er sich freiwillig als Soldat und nahm am Ersten Weltkrieg teil. Wie wir aus seinen beiden Kriegstagebüchern wissen, die am 4. August 1914 mit einem Bericht über die Mobilmachung beginnen und am 9. Dezember 1918 mit dem Hinweis auf die französische Besatzung von Mainz enden, erlebte er die furchtbaren Gräuel des opferreichen Krieges im Osten und wurde dann ab Oktober 1916 auch an der Westfront eingesetzt. Im April 1917 wurde er durch Granatsplitter schwer am Fuß verletzt und nach mehreren Operationen schließlich in das Kriegslazarett in Bad Kreuznach transportiert, wo sich zu dieser Zeit ja auch das große Hauptquartier der deutschen Reichswehr befand. Im Oktober 1917 wurde er mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse und dem Verwundetenabzeichen ausgezeichnet und zum Korporalschaftsführer befördert. Am 15. November 1918 wurde er aus der Reichswehr entlassen:

„Ich fuhr abends nach Mainz […] Am nächsten Tag gab ich meine militärischen Sachen ab, nun war ich ganz frei – und wieder Mensch.“ (zit. nach Berkessel 2014, S. 64–69)


Jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg

Auch der größte Teil der jüdischen Deutschen, in der Mehrzahl konservativ-monarchistisch orientiert, konnte oder wollte sich der mit Kriegsbeginn einsetzenden Welle patriotischer Begeisterung nicht entziehen. Die wichtigsten jüdischen Organisationen riefen ihre Mitglieder auf, sich als Freiwillige zu melden und jede mögliche Hilfeleistung zu erbringen:

„An die deutschen Juden
In schicksalsernster Stunde ruft der Verband seine Söhne unter die Fahnen.
Daß jeder deutsche Jude zu den Opfern an Gut und Blut bereit ist, die die Pflicht erheischt, ist selbstverständlich.
Glaubensgenossen! Wir rufen Euch auf, über das Maß der Pflicht hinaus Eure Kräfte dem Vaterlande zu widmen! Eilet freiwillig zu den Fahnen! Ihr alle – Männer und Frauen – stellet Euch durch persönliche Hilfeleistung jeder Art und durch Hergabe von Geld und Gut in den Dienst des Vaterlandes!
Berlin, den 1. August 1914
Verband der deutschen Juden.
Centralverein der Staatsbürger jüdischen Glaubens.“ (zit. nach: Berger 2006, S. 128)

Diesem Aufruf schlossen sich Anfang August weitere jüdische Vereine durch Zeitungsannoncen an. Dahinter stand die Hoffnung, die immer noch nicht verwirklichte berufliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung im Wilhelminischen Staat auch gegenüber den am Ende des 19. Jahrhunderts zunehmenden antisemitischen Tendenzen endlich durchzusetzen. Viele sahen auch die Chance, die russischen Juden von der Unterdrückung durch das zaristische Regime zu befreien. Mehr als 11.500 (12 %) jüdische Soldaten meldeten sich in den ersten Kriegswochen freiwillig, insgesamt ca. 85.000 jüdische Deutsche (15,66 % der im Dezember 1910 ermittelten Gesamtbevölkerung von 538.566 reichsdeutschen Juden) aus allen Schichten und Altersgruppen der Bevölkerung nahmen am Ersten Weltkrieg teil.
Deren Hoffnung auf gesellschaftliche Emanzipation schien sich durch die Thronrede Wilhelms II. am 4. August zunächst zu bestätigen, in der er Vertreter aller Parteien und Konfessionen auf den bevorstehenden gemeinsamen Kampf einschwören wollte:
„Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche und zum Zeugnis dessen, daß sie fest entschlossen sind, ohne Parteiunterschiede, ohne Standes- und Konfessionsunterschiede zusammenzuhalten, mit mir durch dick und dünn, durch Not und Tod zu gehen, fordere ich die Vorstände der Parteien auf, vorzutreten und mir dies in die Hand zu geloben.“

So waren denn auch im Alltag zunächst einige Verbesserungen festzustellen, etwa indem jüdische Offiziersanwärter jetzt zu Reserveoffizieren ernannt, einfache Soldaten leichter befördert, die Arbeit der jüdischen Feldrabbiner erleichtert wurde und die Zahl der antisemitischen Angriffe und Diskriminierungen spürbar abnahm. Doch schon bald wurde dieser ‚Burgfrieden‘ des Kaisers aufgegeben bzw. durch die mit der sogenannten ‚Judenzählung‘ verbundene Unterstellung jüdischer Drückebergerei und pauschale Diskriminierung jüdischer Soldaten konterkariert. Im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Antisemitismus besonders in den Offizierskasinos und der Verschlechterung der Stimmung aufgrund des mörderischen Stellungskrieges wurde im Oktober 1916 vom preußischen Kriegsminister eine Erhebung über die von Juden im Heer bekleideten Positionen angeordnet. Sie muss wohl im Zusammenhang mit einer Kampagne der antisemitischen Abgeordneten im Reichstag und der zunehmend aggressiveren Agitation des einflussreichen „Alldeutschen Verbandes“ und anderer antisemitisch eingestellter Organisationen gesehen werden. Die Ergebnisse der „Judenzählung“ blieben geheim. Aber allein die Tatsache, dieser auf eine Glaubensgemeinschaft beschränkten Zählung, wurde von vielen patriotisch gesinnten Juden als krasse Diskriminierung und Schlag ins Gesicht der jüdischen Soldaten verstanden – „das Band der durch gemeinsame Waffenbrüderschaft gefestigten Kameradschaft zerschnitten.“ (Berger 2006, S. 175). In den Tagebuchnotizen und Kriegsbriefen vieler jüdischer Soldaten wird von den damit verbundenen Diskriminierungen und dem häufigen und unberechtigten Vorwurf der Feigheit an der Front berichtet.

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Nach dem Krieg arbeitete Hirsch in den 1920er-Jahren als Schaufensterdekorateur unter anderem für große Kaufhäuser in Mainz. Nach einer Zeit der Arbeitslosigkeit in der Zeit der Weltwirtschaftskrise, erhielt er ab 1933 einige Aufträge bei jüdischen Firmen wie Stubs Quelle. Ab 1936 arbeitete er als Pedell bei der Jüdischen Bezirksschule in der Hindenburgstraße (die Schule befand sich in einem Seitenflügel der Hauptsynagoge). Nach Schließung der Schule wurde er ab 1942 bei der Firma Blendax arbeitsverpflichtet. Otto Hirsch war mit einer Protestantin, Klara, geborene Bandomir, verheiratet. Das Paar hatte einen Sohn, Eugen.

Besitzzeugnis des Eisernen Kreuzes von Otto Hirsch (Quelle: privat)

Bis zu seiner Verhaftung 1943 musste er zeitweise auf Geheiß der Gestapo im Büro der Jüdischen Gemeinde Mainz bei der Abwicklung der Deportationen mithelfen. Im April 1943 wurde Otto Hirsch, gemeinsam mit mehreren anderen Mainzer Jüdinnen*Juden, die ebenfalls mit nicht-jüdischen Partner*innen verheiratet waren, verhaftet. Vom Mainzer Gefängnis aus wurde er in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert, wo er am 25. August 1943 ermordet wurde.

Verfasser: Hans Berkessel

Redaktionelle Bearbeitung: HdE



Literaturhinweise:

Berger, Michael: Eisernes Kreuz und Davidstern. Die Geschichte Jüdischer Soldaten in Deutschen Armeen. Berlin 2006.

Berkessel, Hans: Mainz und der Erste Weltkrieg, Teil 2: Kriegsalltag an der Front – im Spiegel der Kriegstagebücher des jüdischen Mainzers Otto Hirsch, in: Mainzer Vierteljahreshefte (2014), H. 3, S. 64–69.

Berkessel, Hans/ Brüchert, Hedwig (Hrsg.): Mainz und der Erste Weltkrieg. Mainzer Geschichtsblätter 14/2008. (Veröffentlichungen des Vereins für Sozialgeschichte Mainz e.V.)

Berkessel, Hans/ Brüchert, Hedwig/ Dobras, Wolfgang/ Erbar, Ralph / Teske, Frank (Hrsg.) Leuchte des Exils. Zeugnisse jüdischen Lebens in Mainz und Bingen. Mainz 2016, darin bes.: S. 95-99.

Berkessel, Hans: Ingelheim im Ersten Weltkrieg und unter französischer Besatzung, in: Berkessel, Hans et al. (Hrsg): Ingelheim am Rhein. Geschichte der Stadt von den Anfängen bis in die Gegenwart. Oppenheim am Rhein 2019, S. 168–189.

Deutsche jüdische Soldaten. Von der Epoche der Emanzipation bis zum Zeitalter der Weltkriege (Katalog zur Ausstellung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA) Potsdam). Hamburg, Berlin, Bonn 1996.

Hank, Sabine/ Simon, Herrmann (Bearb.): Feldpostbriefe jüdischer Soldaten 1914–1918, Hrsg. von der Stiftung „Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“ und dem MGFA Potsdam, 2 Bde. Berlin 2002.

Keim, Anton Maria/ Verein für Sozialgeschichte Mainz e. V. (Hrsg.): Als die letzten Hoffnungen verbrannten. 9./10. November 1938. Mainzer Juden zwischen Integration und Vernichtung, Mainz 1988; darin bes. Katalog zur Ausstellung vom 21. Oktober bis 20. November 1938 im Foyer des Rathauses, S. 149–180.

Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Deutsche jüdische Soldaten 1914 bis 1945. Freiburg 1982.

Ulrich, Bernd: Die Augenzeugen. Deutsche Feldpostbriefe in Kriegs- und Nachkriegszeit 1914–1933. Essen 1997.

Homepage: www.erster-weltkrieg-rlp.de




Der Stolperstein wurde am 5. September 2016 in der Moselstraße 7 verlegt.

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