Lieselotte Schlösser


Lieselotte Schlösser in New York 1937

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© privat



Lieselotte „Lolo“ Schlösser

  • geboren am 26. Mai 1914 in Mainz
  • Flucht 1936 in die USA

Lieselotte Schlösser, genannt Lolo, wurde am 26. Mai 1914 als erstes Kind von Ernst und Bertha Schlösser, geb. Stern, in Mainz geboren. Bei ihrer Geburt wohnten ihre Eltern in der Wallaustraße 1 (2. Stock). Ihr Vater, der ursprünglich aus einer Familie von Viehhändlern aus Sörgenloch stammte, hatte sich bereits zielstrebig vom mittleren Justizbeamten zum Justizobersekretär am Amtsgericht von Mainz hochgearbeitet. Seit seiner Heirat im Jahr zuvor war er als Hilfsarbeiter bei der Stadtverwaltung angestellt. 1915 wurde er vom Bürgermeister zum Stadtsekretär ernannt, stieg dann zum Verwaltungsinspektor und schließlich zum Verwaltungsoberinspektor auf.

Lieselotte und Heinz Schlösser 1924–1926 © privat

Am 16. August 1921 wurde Lolos Bruder Heinz Leopold geboren. Möglicherweise steht der große Altersunterschied zwischen den beiden Kindern in Zusammenhang mit der Erfindung des Insulins 1921. Denn als Diabetikerin war ihre Mutter Bertha vorher sicher starken gesundheitlichen Einschränkungen ausgesetzt. Passend dazu beschrieb ihr Mann Ernst die Stimmungsschwankungen seiner Frau als „himmelhochjauchzend zu Tode betrübt“. Auch Heinz erinnerte sich noch viele Jahre später an die emotionalen Auseinandersetzungen, die „Mutti“ mit seiner Schwester führte. Dafür war Lolo das Lieblingskind ihres Vaters. Sowohl Lolo als auch Heinz wuchsen in einer behüteten, bildungsbürgerlichen jüdischen Familie auf, die die jüdischen Traditionen lebte und Mitglied der großen Synagoge war. Zudem wurde Lolo eine exzellente Klavierspielerin und war bewandert in Kunst und Geschichte.

Drei Jahre später zog die Familie samt Hausmädchen in die Albinistraße 1 in den 2. Stock, direkt gegenüber dem Realgymnasium, das Heinz später besuchte. Lolo besuchte nach der Volksschule die Höhere Mädchenschule (heutiges Frauenlobgymnasium), die sie mit dem mittleren Abschluss verließ. Während ihr Vater ungefähr zu dieser Zeit die letzte Stufe seiner Karriere erklommen hatte und zum Verwaltungsamtsmann ernannt wurde, interessierte sich Lolo mehr und mehr für Jungs. Da sie diese heimlich treffen musste, beauftragte sie öfter ihren Bruder Heinz, sie gegen Bezahlung vor der Rückkehr der Eltern zu warnen.

Mit der ‚Machtübernahme‘ Hitlers im Januar 1933 änderte sich das Leben der Familie von Grund auf. Im März des gleichen Jahres wurde Ernst Schlösser aus dem Beamtentum ausgeschlossen und in den frühzeitigen Ruhestand versetzt, sehr zur Beruhigung seiner Frau Bertha, die sehr besorgt über Repressalien und Gewalt auf der Straße war. Immerhin war ihr Mann zuhause sicher. Zu dieser Zeit waren seine Kinder Heinz und Lolo 12 und 19 Jahre alt, Ernst selbst erst 49. Die stark veränderten Einkommensverhältnisse waren vermutlich der Grund, weshalb die Familie 1933/34 in die Adam-Karrillon-Straße 66 (2. Stock) zog. Auch das Hausmädchen Maria durfte seit 1934 nicht mehr für sie arbeiten.

1936 begann Ernst Schlösser eine Bürotätigkeit für die Reichsvertretung der Juden in Deutschland (Abteilung Zentralwohlfahrtsstelle), die mit 150 Mark bezahlt wurde. Das war nicht viel mehr als der Wohngeldzuschuss, den er neben seiner kleinen Pension erhielt. Lolo, zu der Zeit bereits 22 Jahre alt, verlobte sich im gleichen Jahr mit Kurt Mann, einem Mainzer Juden, bevor sie im Dezember 1936 nach Amerika emigrierte. Ihre Einwanderung verdankte sie dem jüdischen Geschäftsmann Herrn Uhlmann, der für sie gebürgt und so ihr und auch anderen Jüdinnen*Juden das Leben gerettet hatte.

Ernst und Bertha Schlösser, um 1938 © privat

Als Lolo in New York ankam, wohnte sie für einige Wochen bei ihrer Tante Lina, der Schwester ihres Vaters, und deren Mann Isidor. Die Stimmung dort war gedrückt, denn sie lebten in beengten Verhältnissen in einem überfüllten jüdischen Viertel. Der einst so stolze Onkel Isidor, der in Oberwesel eine koschere Metzgerei hatte, arbeitete jetzt als Nachtwächter, während sich seine Frau Sorgen um die in Deutschland verbliebenen Verwandten machte. Anfang 1937 kam auch Kurt Mann nach Amerika. Lolo und er heirateten am 8. September 1937 in Kansas City, Missouri. Das junge Paar lebte zunächst von der Hand in den Mund. Obwohl sie sehr viel arbeiteten, hatten sie kein eigenes Bankkonto und waren damit beschäftigt zu überleben.


Heinz Schlösser 1937 © privat

Ein Jahr später gelang auch Lolos 16-jährigem Bruder Heinz die Flucht aus Deutschland und er kam im April 1938 in New York an. Nach einem kurzen Aufenthalt bei Tante Lina und Onkel Isidor reiste er weiter zu seiner Schwester und ihrem Mann, bei denen er in der ersten Zeit wohnen konnte.

Während Heinz und Lolo sich langsam in der neuen Welt zurechtfanden, waren ihre Eltern Ernst und Bertha massiven Einschränkungen ausgesetzt. 1940 wurden sie zwangsweise in ein sogenanntes ‚Judenhaus‘ in der Kaiserstraße 32 umgesiedelt. Sie lebten auf engstem Raum in einem Zimmer mit einer Küche, die sie auch als Bad nutzen mussten. Nichtsdestotrotz engagierte sich Ernst weiter und arbeitete als Bezirksstellenleiter zur Betreuung der Juden in Mainz. Als sie 1941 in ein anderes ‚Judenhaus‘ in der Hindenburgstraße 38 umziehen mussten, entschloss sich Ernst, mit seiner Frau Bertha das Land zu verlassen. Sein Bruder Alfred war schon im Juni 1939 nach Südafrika geflohen.

Am 28. Oktober 1941 beantragte Ernst Schlösser die Reisepässe beim Polizeipräsidenten der Stadt Mainz und bat den Oberbürgermeister um die Genehmigung, seinen Wohnsitz und den seiner Frau ins Ausland verlegen zu dürfen. Er plante Anfang Dezember über Kuba nach Amerika zu emigrieren, da die amerikanischen Konsulate in Deutschland geschlossen waren. Aber die Auflagen der Behörden waren hoch und die politische Situation für die jüdische Bevölkerung spitzte sich immer weiter zu. Ernst und Bertha mussten in kürzester Zeit Reisepässe, Ausreisegenehmigung, Unbedenklichkeitsbescheinigungen und andere Unterlagen von den unterschiedlichsten Stellen organisieren. Der Oberbürgermeister sagte zwar dem Reichsstatthalter in Hessen zu, auf die Erfüllung der Voraussetzungen für die Ausreise zu achten, aber schließlich war es der Polizeipräsident in Mainz, der Ernst und Bertha Schlösser die erforderlichen Reisepässe Ende November verweigert. Damit erhalten die Schlössers auch nicht den notwendigen Ausreisesichtvermerk durch den Reichsstatthalter und der Oberbürgermeister kann die Verlegung des Wohnsitzes ins Ausland nicht genehmigen. Am 11. Februar 1942 schließt er die Akte Schlösser ab. Am 20. März 1942 werden Ernst und Bertha Schlösser nach Piaski deportiert. Zu diesem Zeitpunkt ist Ernst 58 Jahre alt und Bertha 55. Über ihr Schicksal ist nichts Genaues bekannt Es ist aber anzunehmen, dass Bertha wegen ihres Diabetes den Transport nicht überlebt hat. Zudem herrschen im Konzentrationslager in Piaski unmenschliche Bedingungen in eisiger Kälte und Schnee. Ernst arbeitet selbst dort noch für den Judenrat, bevor er im November 1942 nach Sobibor deportiert wird.


Harvey Schlösser in der Uniform der US-Armee © privat

Ihr Sohn Heinz, der sich seit seiner Auswanderung Harvey nennt, hat sich bereits im Dezember 1940 bei der amerikanischen Armee verpflichtet. Da er zu der Zeit noch unter dem Einberufungsalter liegt und das Einverständnis seiner Eltern braucht, hat sich Lolo als seine Mutter ausgegeben und den Bescheid unterschrieben. Im Januar 1945 kommt Heinz mit seiner Einheit über Frankreich nach Deutschland. Hier übersetzt er für seinen Major in den besetzten Gebieten, gerät in Hinterhalte, sieht seine Kameraden sterben und erlebt das brennende Mainz, als er mit den amerikanischen Truppen den Rhein überquert. Auch bei der Befreiung des Buchenwald-Außenlagers Ohrdruf ist er dabei und entsetzt von den Leichenbergen der bis auf die Knochen abgemagerten Menschen.

Nach Kriegsende machen sich Lolo und Heinz auf die Suche nach ihren Eltern und erwirken durch ihre Nachforschungen schließlich, dass das Amtsgericht Mainz am 14.6.1950 den Tod von Ernst und Bertha Schlösser auf den 1.3.1943 festsetzt, da sie „aller Wahrscheinlichkeit nach im Konzentrationslager umgebracht worden“ sind. Zwei Monate später stellen sie über ihre Anwälte Ansprüche gemäß des Bundesgesetz zur Regelung der Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts im öffentlichen Dienst.

In einem mühseligen, Jahre andauernden Schriftverkehr müssen sie belegen, dass sie durch den Wegfall der Bezüge ihres Vaters, der mit 49 zwangsweise in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurde, einen Ausfall „in Bezug auf Unterhalt, Ausstattung oder Versorgung erlitten haben.“ Verschiedene Anwälte argumentieren jahrelang, welche Aussteuer Lolo entgangen ist und dass sie und Heinz auch den Besitz der Eltern sowie – nicht ganz unwesentlich – durch ihre Flucht auch ihre Heimat verloren haben.

Am 6. Januar 1953 erkennt der Oberbürgermeister der Stadt Mainz einen Anspruch auf Ausgleich im Rahmen des Landesgesetzes über die Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts im öffentlichen Dienst an. Er begründet dies damit, dass sich beide Kinder zum Zeitpunkt der Zwangspensionierung ihres Vaters in Ausbildung befanden und es für Juden seinerzeit nur außerordentlich schwierige und teure Ausbildungsmöglichkeiten gab. Zudem bestätigt er Lolos Anspruch auf Aussteuer im Falle ihrer Verheiratung. Er benennt den errechneten Ausfall an Dienstbezügen mit umgerechnet 3.772,44 Mark. Und obwohl der Stadt durch den gewaltsamen Tod von Ernst Schlösser jegliche Ruhegehaltszahlungen erspart wurden, folgt der Ausschuss für Rechtsangelegenheiten im April 1953 dem Vorschlag des Oberbürgermeisters und beschließt, den beiden Kindern lediglich den auf die Hälfte aufgerundeten Betrag von 2000 Mark auszuzahlen. Und selbst dieser Betrag wird noch „ohne Anerkennung einer Rechtsverpflichtung“ ausgezahlt – so als hätten Lolo und Ernst die Zahlung nur aus gutem Willen nicht aber auf einer fundierten Rechtsgrundlage erhalten.

Doch Lolo und ihr Mann Kurt gehen auch so ihren Weg. Seit 1950 wohnen sie in New York, wo Lolo als Modedesignerin für Benefatto & Kallman arbeitet. 1960 folgt der Umzug nach nach Baltimore, Maryland. Kurt Mann wird erfolgreicher Investmentbanker, spezialisiert auf Mergers and Acquisitions, spricht fließend mehrere Sprachen und baut sich eine erfolgreiche Karriere auf. In den 1960er Jahren zieht er mit seiner Frau nach Vence, Frankreich. Beide sterben bei einem Autounfall am 2. März 1970 in Lausanne, Schweiz. Kurt ist zu diesem Zeitpunkt 56 Jahre alt, seine Frau Lolo 55.

Lolo Schlösser und Kurt Mann © privat


Text: Christine Schwarz

Redaktionelle Bearbeitung: HdE




Der Stolperstein für Lieselotte Schlösser wurde am 8. September 2025 in der Adam-Karrillon-Straße 66 verlegt.

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