
Siegfried Josef Selig
- geboren am 10. Mai 1868 in Hechtsheim
- gestorben am 30. September 1942 in Gouda (Niederlande)

Antonie Selig, geb. Kahn
- geboren am 12. Januar 1874 in Büdesheim bei Friedberg
- deportiert am 23. April 1943 nach Sobibór und dort ermordet
Die weit verzweigte Familie Selig wohnte über mehrere Generationen in Hechtsheim und verdiente ihren Lebensunterhalt als Frucht-, Getreide- und Viehhändler, seit Simon Selig I., 1783 in Wiesenbronn bei Würzburg geboren, im Jahr 1813 in Hechtsheim eingebürgert worden war. Er war Siegfried Josefs Großvater.
Siegfried Josef Selig (ursprünglich Siegfried Gustav genannt) wurde am 10. Mai 1868 in Hechtsheim geboren. Er war eines von sechs Kindern des 1834 geborenen Fruchthändlers Ludwig Selig und dessen erster, 1873 jung verstorbenen Frau Esther, geborene Sondheimer. Im Februar des Jahres 1900 heiratete er die aus Büdesheim bei Friedberg stammende Antonie Kahn, dort am 12. Januar 1874 geboren. Siegfried Josef Selig betrieb einen Futtermittel- und Landhandel und wohnte mit seiner Familie im eigenen Haus in der damaligen Breite Straße 2 (1933 bis 1945 in Hindenburgstraße umbenannt, heute Bürgermeister-Keim-Straße).
1901 bzw. 1904 kamen die Töchter Emma und Cäcilie zur Welt. Nach dem Besuch der ersten Hechtsheimer Volksschuljahre gingen beide vom 1911 bis 1916 bzw. 1914 bis 1919 in die Höhere Mädchenschule Mainz. Emma heiratete 1923 den Kaufmann Siegmund Weis aus dem heute zu Wiesbaden gehörenden Nordenstadt, Cäcilie fünf Jahre später dessen jüngeren Bruder Max Weis, ebenfalls Kaufmann von Beruf. Die Brüder waren Inhaber eines von ihrem Großvater und Vater übernommenen Großhandels für Getreide, Futtermittel und sonstige Landprodukte, der 1917 nach Wiesbaden verlegt worden war. Insofern wird es zwischen den Familien neben privaten auch berufliche Kontakte gegeben haben. Während Cäcilie und Max kinderlos blieben, wurde Emma und Siegmund 1924 die Tochter Ruth Ingeborg geboren.
Bereits früh in der NS-Zeit begann in Hechtsheim die Drangsalierung von Siegfried Josef und Antonie Selig. Ihre Tochter Emma war im August 1933 mit Mann und Tochter ins niederländische Rotterdam gezogen, wohin Siegmund und Max Weis geschäftliche Beziehungen unterhielten. Emmas Eltern stellten im Dezember 1933 den Antrag auf Ausstellung eines Reisepasses, um sie zu besuchen. Das Kreisamt Mainz, inzwischen unter Nazi-Leitung, lehnte dies nach Steinwürfen gegen Fenster jüdischer Familien und der In-‚Schutzhaft’-Nahme jüdischer Hechtsheimer Bürger ab mit der Begründung, „dass der Jude Selig über diese Vorkommnisse im Ausland entstellte und dem deutschen Ansehen abträgliche Erzählungen verbreiten“ werde. Zynisch wurde noch hinzugefügt: „Selig wird daher keineswegs wieder in das Ausland reisen, sondern in Hechtsheim Muße haben, etwaige kommunale oder private Schulden abzudecken.“ Zu letzterer Unterstellung gab es allerdings überhaupt keinen Grund.
An Auswanderung zu denken, war unter diesen Voraussetzungen aussichtslos. In den Folgejahren wird es Siegfried Josef Selig immer schwerer gefallen sein, seine Produkte zu verkaufen, denn Geschäfte von Jüdinnen*Juden wurden allerorts boykottiert und sukzessive verboten. In der Pogromnacht des 9./10. November 1938 wurde das Haus der Seligs vollständig verwüstet. An ein Bleiben war also nicht zu denken. Die Abmeldung der Eheleute nach Rotterdam Mitte Dezember jenes Jahres scheiterte. So blieb den Seligs unter dem Druck der politischen Verhältnisse nur übrig, sich am 22. Dezember 1938 nach Wiesbaden in die Gartenfeldstraße 15 – das Haus gehörte den Brüdern Weis – abzumelden und Hechtsheim zu verlassen.
Von Wiesbaden aus gelang dem Ehepaar Selig im Januar 1939 die Flucht in die Niederlande. Allerdings saßen sie dort nach dem Einmarsch der Wehrmacht im Mai 1940 in einer ausweglosen Falle. Ihre letzte bekannte Wohnadresse ist Oosthaven 31, das Zentrale Jüdische Altersheim der Stadt Gouda. Siegfried Josef Selig starb dort am 30. September 1942 mit 74 Jahren und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Gouda beerdigt. Am 9. April 1943, einem Freitagabend und damit dem Beginn des Shabbat, wurden alle Bewohner des jüdischen Altersheim Gouda, unter ihnen Antonie Selig, zum Verlassen des Hauses gezwungen und in das Konzentrations- und Transitlager Westerbork verbracht. Von dort wurde Antonie Selig wenig später, am 23. April 1943, nach Sobibór in den Tod deportiert. Sie war damals 70 Jahre alt.
Tochter Cäcilie und deren Mann Max Weis gelang 1939 die Flucht nach Südafrika. Tochter Emmas Mann Siegmund Weis starb im Februar 1940 in Rotterdam und wurde dort beerdigt. Emma und ihre Tochter Ruth Ingeborg wurden im Zuge der zahlreichen Verhaftungen der in den Niederlanden lebenden Juden ebenfalls in Westerbork inhaftiert, von dort nach Auschwitz bzw. Sobibór deportiert und ermordet.
Text: Renate Knigge-Tesche
Redaktionelle Bearbeitung: HdE
Quellenhinweise:
Community Joods Monument, Niederlande, URL:<https://www.joodsmonument.nl/en/>
Stadtarchiv Mainz, Best. VOA 12/551, Bürgerregister Hechtsheim 1803–1872; Geburtenregister Hechtsheim 1868 Nr. 28, Heiratsregister Hechtsheim 1863 Nr. 8, Sterberegister Hechtsheim 1873 Nr. 22; Geburtenregister Hechtsheim 1901 Nr. 62 und 1904 Nr. 26, Heiratsregister Hechtsheim 1923 Nr. 1 und 1928 Nr. 10; Adressbücher der Stadt Mainz, ab 1908 inkl. Gemeinde Hechtsheim; Best. VOA 12/359 fol. 120 f u. 125 f.; Best. VOA 12/2226.
Stadtarchiv Gouda und Stiftung Gouds Metaheerhuis; Herinneringscentrum Kamp Westerbork, Niederlande.
Die Stolpersteine für Siegfried Josef und Antonie Selig wurden am 24. Juni 2013 in der Bürgermeister-Keim-Straße 2 in Mainz-Hechtsheim verlegt.
