Martha Bassing, geb. Maas


Martha Bassing Anfang der 1940er Jahre

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© privat



Kurzbiografie:

  • Geboren am 20. August 1888
  • Ermordet am 21. August 1943 in Auschwitz

Schicksal von Jüdinnen*Juden in ‚Mischehen‘

Zu Beginn der 1930er-Jahre lebten in Deutschland ungefähr 35.000 Jüdinnen*Juden in Ehen, die von den Nationalsozialisten als ‚Mischehen‘ bezeichnet wurden. Wie alle anderen jüdischen Menschen waren auch die in ‚Mischehen‘ lebenden Jüdinnen*Juden von Diskriminierung und Schikanen betroffen. Im Jahr 1938 wurden die inoffiziellen Kategorien der ‚privilegierten‘ und ‚nicht-privilegierten‘ Mischehen von den NS-Behörden erschaffen. Eine ‚privilegierte Mischehe‘ lag vor, wenn der Mann nicht-jüdisch war und wenn das Paar keine Kinder oder nicht-jüdisch erzogene Kinder hatte. War die Frau nicht-jüdisch, dann galt die ‚privilegierte Mischehe‘ nur, wenn es nicht-jüdisch erzogene Kinder gab. In ‚privilegierten Mischehen‘ mussten die jüdischen Partner*innen keinen ‚Judenstern‘ tragen und das Vermögen sowie der Besitz konnten auf die nicht-jüdischen Partner*innen komplett übertragen werden und ein Umzug in ein sogenanntes ‚Judenhaus‘ war nicht verpflichtend. War der Mann in der Ehe jüdisch und das Paar kinderlos, dann galt diese Ehe automatisch als ‚nichtprivilegierte Mischehe‘. Ebenso fiel man in diese Kategorie, wenn die Kinder jüdisch erzogen worden waren, oder aber wenn die*der nicht-jüdische Partner*in zum Judentum konvertiert war. Jüdische Menschen, die in ‚Mischehen‘ lebten, wurden bis kurz vor Kriegsende von den Deportationen in die Konzentrationslager verschont; das Ende des Krieges verhinderte so die Deportation aller Jüdinnen*Juden, die in ‚Mischehen‘ lebten. Martha Bassing zählte jedoch nicht zu denjenigen, denen der Status einer ‚Mischehe‘ dazu verhalf, bis zum Ende der NS-Herrschaft vor einer Deportation sicher zu sein, auch wenn sie wegen ihrer Heirat mit einem deutschen Nicht-Juden zur Gruppe der ‚privilegierten Mischehe‘ zählte.


Martha Maas wurde am 20. August 1888 als Tochter des Kaufmanns Heinrich Maas (1857–1927) und seiner Frau Adelheid, geb. Reichenberg (1866–1937), in Diez an der Lahn geboren. Heinrich Maas stammte aus einer alteingesessenen jüdischen Familie, die seit Generationen in Mainz wohnte. Mit seiner aus dem hessischen Friedberg stammenden Frau und den noch kleinen Kindern zog er von Diez wieder in seine Geburtsstadt Mainz zurück und ließ sich in der Löwenhofstraße 3 nieder, wo Martha mit ihrem Bruder Ludwig und ihrer Schwester Erna Eva aufwuchs. Die Kinder besuchten die Bondi-Schule der Israelitischen Religionsgesellschaft, die auch schon ihr Vater besucht hatte.

Am 20. April 1910 heiratete Martha Maas den Kaufmann Adam Ludwig Rudolf Bassing, der 1882 in Wörrstadt geboren und evangelisch war. Das Paar wohnte in der Mainzer Boppstraße 72. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor, die 1911 geborene Irma Hildegard (Irmhild) und die 1914 geborene Elfriede (Friedel). Beide wurden evangelisch getauft. Irmhild starb bereits im Jahr 1928. Die Ehe zwischen Martha und Adam Ludwig Rudolf Bassing wurde bereits im Jahr 1920 geschieden. Martha Bassing wohnte mit ihren Töchtern anschließend zunächst am Feldbergplatz, zog aber später wieder in ihr Elternhaus in der Löwenhofstraße 3.

In einem Fragebogen, den sie im Februar 1943 für die Reichsvereinigung der Jüdinnen*Juden in Darmstadt ausfüllen musste, bezeichnete sich Martha Bassing als konfessionslos. Vor Verfolgung schützte sie das nicht, stammte sie doch aus einer jüdischen Familie. Einen gewissen Schutz hatte sie eine Zeit lang dadurch, dass ihre geschiedene Ehe in den Augen der Nazis als ‚Mischehe‘ galt. Sie geriet deshalb noch nicht in die großen Deportationen, die 1942 ab Mainz liefen, und konnte zunächst in der Löwenhofstraße wohnen bleiben. Dennoch bekam auch sie die Diskriminierung und Schikanen gegen die jüdische Bevölkerung zu spüren. So konnte sie nur mit Erlaubnis der Gestapo den Zug benutzen, wenn sie nach Köln reisen wollte, um ihre Tochter Elfriede und deren Familie oder ihre ebenfalls in Köln wohnende Schwester Erna zu besuchen.

Nachdem ihr Bruder Ludwig mit seiner Frau bereits 1939 nach England hatte fliehen können, musste Martha Bassing schließlich das elterliche Haus doch verlassen: Es wurde zwangsweise an einen SA-Mann verkauft. Die danach bezogenen Wohnungen waren keine frei gewählten Wohnsitze mehr, sondern vom NS-Staat zugewiesen. So zuletzt in der Adam-Karrillon-Straße 52. Von dieser Adresse aus verschickte Martha Bassing noch Briefe an Verwandte.

Am 5. April 1943 wurde Martha Bassing von der Gestapo in Mainz verhaftet. Von diesem Tag gibt es ein kurzes Schreiben an ihre Tochter Elfriede und deren Familie:

Mein liebes Friedelchen, Helmuth und Kinder,

Eben war Gestapo hier, waren sehr anständig und bestellten mich kurz nach 2 Uhr. Ich bin sehr ruhig und rechne damit, dass sie mich behalten. Ich danke Euch für alles Gute. Es ist Schicksal und damit muss man sich abfinden. Vielleicht kommst Du dann mal nach hier.

Herzlichen Kuss von Deiner Mutti

Quelle: privat

Bei der Gestapo wurde sie verhört mit der Begründung, es lägen zwei Anzeigen gegen sie vor. Man unterstellte ihr, sie habe russischen Kriegsgefangenen belegte Brote hingelegt, was sie wegen ihrer eigenen knappen Rationen gar nicht konnte. Die zweite vorgebliche Anzeige lautete, sie sei auf der Straße von ‚Ariern‘ gegrüßt worden. Da sie wegen der Vorschriften zur „Mischehe“ keinen ‚Judenstern‘ trug, konnte sie gar nicht verhindern, dass alte Bekannte sie grüßten. Die Vorwürfe waren gelogen bzw. absurd. Es war von vornherein geplant, sie zu inhaftieren.

Ein hilfsbereiter Wärter erlaubte ihrer Tochter einige Wochen lang, immer wenn er Dienst hatte, Grüße, Medikamente und warme Kleidung für die Mutter abzugeben und sie auch hin und wieder zu sehen. Als die Tochter am 11. Mai 1943 erneut kam, musste sie erfahren, dass Martha Bassing zusammen mit anderen Häftlingen morgens um 8 Uhr mit unbekanntem Ziel abtransportiert worden war. Alle diese Menschen waren alleinstehende Partner aus ‚Mischehen‘, die offenbar erst im April 1943 verhaftet worden waren.

Was in der Zeit zwischen dem Abtransport vom Gefängnis am 11. Mai und dem Eintreffen im KZ Auschwitz Ende Mai 1943 geschah, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Es muss eine Zwischenstation dieser relativ kleinen Gruppe gegeben haben, einen Sammelpunkt, an dem sie einem größeren Transport eingegliedert wurden.

Martha Bassing wurde am 29. Mai 1943 mit einem Sammeltransport im KZ Auschwitz eingeliefert. Sie war damals 54 Jahre alt, wurde registriert und erhielt die Häftlingsnummer 45610. Höchstwahrscheinlich wurde sie in einem Arbeitskommando eingesetzt, aber darüber gibt es keine Dokumente. Nur mündlich überliefert ist ein aus Mainz stammender überlebender Auschwitz-Häftling, der Frau Bassing kannte, habe sie beim Ziehen einer Straßenwalze gesehen. Ihr Leben endete am 21. August 1943 in der Gaskammer von Auschwitz.


Foto: HdE


Verfasserin: Renate Knigge-Tesche

Redaktionelle Bearbeitung: HdE



Literaturhinweise:

Archiv der Gedenkstätte Auschwitz, Auskünfte von 1972 u. vom 4. Mai 2021, u.a. Liste von Frauen in Auschwitz-Birkenau vom 21. August 1943.

Arolsen Archives

Berkemann, Jörg/ Lorenz, Ina: Die Hamburger Juden im NS-Staat 1933 bis 1938/39, Göttingen 2016.

Gruner, Wolf: Widerstand in der Rosenstraße. Die Fabrik-Aktion und die Verfolgung der ‚Mischehen‘ 1943, Frankfurt am Main 2005.

Israelitische Religionsgesellschaft Mainz (Hrsg.): Zur Geschichte der Unterrichtsanstalt der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Mainz. Festschrift anlässlich ihres 75jährigen Bestehens 1859–1934, S. 33 u. 39.

Schriftliche Berichte der Tochter Elfriede Reidemeister nach 1945 (im Familienbesitz).

Stadtarchiv Mainz, Heiratsregister Mainz 1910, Bd.1, Nr. 168.

Strnad, Maximilian: Privileg Mischehe? Handlungsräume ‚jüdisch versippter‘ Familien 1933-1949, Göttingen 2021.

Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland, Heidelberg, Best. B 5/1 Abt. II Nr. 10.



Foto: HdE

Der Stolperstein wurde am 06. Mai 2022 in der Löwenhofstraße 3 verlegt.

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