Karl Kern


© privat


Kurzbiografie:

  • Geboren am 12. August 1885 in Mainz
  • Gestorben am 13. Mai 1943 in Mainz durch Suizid

Suizide von Jüdinnen*Juden vor anstehenden Deportationen

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der nationalsozialistischen Diktatur wurde sowohl in der Gesellschaft als auch in der Geschichtswissenschaft der ‚Holocaust‘ thematisiert und erforscht. Neben der Ermordung von Millionen Jüdinnen*Juden in den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern wurden durch die nationalsozialistische Diktatur auch Jüdinnen*Juden in den Suizid getrieben, die keinen anderen Ausweg als den Freitod mehr sahen. Im ‚Deutschen Reich‘ begingen während des Nationalsozialismus mehrere Tausend Jüdinnen*Juden Suizid, um so den Deportationen in die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager sowie der Unterdrückung und den Repressalien wie den fortschreitenden ‚Arisierungen‘ zu entkommen. Die Suizidrate in der jüdischen Bevölkerung des ‚Dritten Reichs‘ lag bei circa 1.500 Selbstmorden pro 100.000 Einwohner*innen. Auch der Mainzer Karl Kern, der die Firma ‚Betten-Kern‘ von seinem Vater übernommen hatte, beging Suizid. Sein Geschäft wurde schon 1937 geschlossen und anschließend ‚arisiert‘. Kern, der mit der Katholikin Anna Katharina verheiratet war, lebte in einer sogenannten ‚privilegierten Mischehe‘ und blieb aufgrund dieser Ehe bis zum Jahr 1943 von den Deportationen der Mainzer Jüdinnen*Juden verschont. Im Mai erhielt er schließlich trotz seiner sogenannten ‚Mischehe‘ eine Vorladung auf die ‚Gestapo‘-Wache, woraufhin er keinen anderen Ausweg mehr sah, als Suizid zu begehen. Er starb am 13. Mai 1943. Die geschichtswissenschaftliche Forschung begann sich in den 1980er Jahren für die Thematik der Suizide von Jüdinnen*Juden während des Nationalsozialismus zu interessieren. Helmut Eschwege und Konrad Kwiet untersuchten 1984 in ihrem Buch „Selbstbehauptung und Widerstand“ in einem Kapitel die politischen Suizide von Jüdinnen*Juden im ‚Deutschen Reich‘. Marion Kaplan veröffentlichte 1998 ihr Werk „Between Dignity and Despair: Jewish Life in Nazi Germany“, in dem sie ebenfalls die Suizide der Jüdinnen*Juden im NS-Staat untersuchte. Im Jahr 2001 publizierte Ursula Baumann ihr Buch „Vom Recht auf den eigenen Tod. Die Geschichte des Suizids vom 18. bis zum 20. Jahrhundert“ unter Berücksichtigung der Suizide deutscher Jüdinnen*Juden im Nationalsozialismus. 2007 erschien die Publikation „Erzwungener Freitod. Spuren und Zeugnisse von in den Freitod getriebener Juden der Jahre 1938 – 1945 in Berlin“ von Anna Fischer, in der sie sich auf die Suizide der Berliner Jüdinnen*Juden im NS-Regime konzentrierte. Christian Goeschel setzte sich in seinem Werk „Selbstmord im Dritten Reich“ ausschließlich mit den Suiziden während der nationalsozialistischen Diktatur auseinander.

Karl Kern wurde am 12. August 1885 in Mainz geboren. Er war eines von vier Kindern des Kaufmanns Heinrich Kern (1854 bis 1936) und seiner Frau Amalie, geborene Weiß (1856 bis 1920). Sein Vater stammte aus Kastel, seine Mutter aus Biebrich. Die Eltern sind auf dem Neuen Jüdischen Friedhof Mainz beerdigt, ebenso sein Bruder Bernhard, der mit sechs Jahren starb, sowie seine Schwester Elsa, die nur 24 Jahre alt wurde. Seine Schwester Johanna, die mit Robert Wasserburg verheiratet war, überlebte die NS-Zeit im Versteck. Für sie wurde in der Taunusstraße 23 ein Stolperstein verlegt. Karl Kern besuchte das Humanistische Gymnasium und absolvierte anschließend eine kaufmännische Ausbildung – vermutlich im elterlichen Geschäft. Im Ersten Weltkrieg war er Soldat und wurde mit dem Eisernen Kreuz, der Hessischen Tapferkeitsmedaille und dem Verwundeten-Abzeichen ausgezeichnet. Im Jahr 1922 heiratete er die aus Horchheim im Kreis Worms stammende Katholikin Anna Katharina Eifinger. Er selbst blieb seinem jüdischen Glauben treu. Aus der Ehe ging der einzige Sohn Bernhard Robert (genannt Bernd) hervor, er wurde christlich getauft und war in der katholischen Jugend aktiv. Anna Katharina Kern starb schon Anfang 1935 mit nur 43 Jahren, als ihr Sohn Bernd noch keine zwölf Jahre alt war.


Briefkopf aus dem Jahr 1917 © privat

Heinrich Kern hatte das bereits 1853 von seinem Vater Bernhard gegründete und nach dessen Tod 1875 von seiner Frau Susanna fortgeführte Geschäft im Jahr 1904 übernommen und es 1920 seinem Sohn Karl übertragen. Ursprünglich vertrieb die Firma ‚Ellenwaren‘ (Stoff ‚am laufenden Meter‘) in der Augustinerstraße 43, im Jahre 1868 wurde dann am Markt 1 eine ‚Bettenwarenfabrik‘ mit ‚Ausstattungsgeschäft‘ eröffnet. 1877 erwarb Susanna Kern das Haus Nummer 5 und später kaufte sie auch die Nummer 9. Wohnhaus und Hauptgeschäft waren von nun an am Markt 5. Die offizielle Bezeichnung des Geschäfts lautete „Mainzer Betten-, Wäsche- und Möbel-Fabrik“. Im Adressbuch war seit 1924/25 vermerkt: „Kern, B., Inh. Karl Kern, Betten- und Wäschefabrik“. In der Ausgabe von 1934 erschien ‚Betten-Kern‘ auf der ‚Jubiläums-Liste‘ als einziges Geschäft in Mainz, das schon über 75 Jahre bestand.

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Bernd, der 1923 geborene Sohn von Karl und Anna Kern, erinnert sich wie folgt:

Meine Eltern hatten zwei Geschäfte, zum einen auf dem Markt 5 und zwei Häuser weiter am Markt 9. Dort war unten ein Laden für Bettgestelle und fürs „weiße Programm“ wie Bettlaken, Bezüge, etc. Um den Markt 5 hat sich meine Mutter gekümmert. Im Markt 9 gab es Messingbetten, Kinderbetten, Waschkommoden für Kinder; im ersten Stock war die Federnkammer mit der Federfüllmaschine. Da wurden die Betten gefüllt. Im zweiten Stock saßen zwei Tapezierer. Die haben Matratzen hergestellt oder auch aufgearbeitet. Früher hatte man zum Beispiel Rosshaarmatratzen ein paar Mal aufgearbeitet. Das Rosshaar wurde gewaschen, es war teuer und es war gut; darum hat sich mein Vater gekümmert. […] Das Haus Markt 9 war ein viel höheres Haus, und es war „sein Revier“. […] Es musste unter den Nazis 1938/39 an die Mainzer Aktienbrauerei „verkauft“ werden.

Die Weiterführung des renommierten Bettenfachgeschäftes dürfte aufgrund des Drucks durch die Nationalsozialisten sowie den Demütigungen und Drangsalierungen, denen jüdische Firmeninhaber*innen ausgesetzt waren, zunehmend schwerer geworden sein. 1937 wurde das Geschäft behördlich geschlossen und Karl Kern eine ‚Ordnungsstrafe‘ von 5.000 RM auferlegt, weil er das ‚Spinnstoffgesetz‘ nicht beachtet habe – eine Behauptung, die nicht nur im Fall ‚Betten-Kern‘ als Vorwand für die Ausschaltung jüdischer (Textil-) Firmen genutzt wurde.

Das Geschäft wurde schließlich ‚arisiert‘ und ging an den nicht-jüdischen Besitzer Walter Ulrich über, später wurde es komplett geschlossen. Karl Kern musste wohl ab 1939 zwangsweise als Arbeiter tätig sein, wobei er zunächst in einer Chemiegroßhandlung am Neubrunnenplatz arbeitete. In einem Tagebucheintrag seines Schwagers Robert Wasserburg 1940 heißt es, er sei „als Hilfsarbeiter nach Kelsterbach gekommen. Wie wird er das durchhalten? Er ist doch nur noch eine Handvoll Haut und Knochen und hat zudem einen Leistenbruch“.


© privat

An die Familie Wasserburg war auch ein Abschiedsbrief vom 1. Juni 1940 adressiert. In diesem schreibt Karl, er glaube jetzt „die letzte Leidensstation“ erreicht zu haben und es bliebe „kein anderer Weg“, so furchtbar der Entschluss sei, „meinen liebsten Bernd alleine zurückzulassen“. Auf denselben Tag datiert war ein Testament, mit welchem er seinen Sohn als Alleinerben einsetzte und den Schwager Robert Wasserburg bat, bis zu dessen Volljährigkeit die Vormundschaft zu übernehmen. Weiter heißt es in dem Abschiedsbrief:

Wie sich die Verhältnisse entwickelt haben ist es schon besser Schluss zu machen, denn auf die Dauer hätte ich dieses Leben nicht ertragen und Hoffnung auf Besserung besteht nicht.


Warum Karl im Sommer 1940 diesen Brief schrieb und anschließend doch keinen Suizid beging, kann nicht mehr nachvollzogen werden. Er wohnte weiter im Haus am Markt 5, das offiziell seinem Sohn Bernd gehörte. Nach der Auffassung des NS-Regimes galt es als ‚arisches Haus‘ und Karl Kern lebte in einer ‚privilegierten Mischehe‘, obwohl er bereits verwitwet war. Er hatte 1942 drei große Deportationen jüdischer Mainzer*innen erlebt, darunter sicher viele Freund*innen und Bekannte. Im Februar 1943 war dann nochmals eine kleinere Gruppe Jüdinnen*Juden deportiert worden. Anfang 1943 begann auch die bürokratische Erfassung der Jüdinnen*Juden in ‚Mischehen‘ und es kam immer wieder zu Verhaftungen der ‚nichtarischen‘ Ehepartner*innen. Am 12. Mai erhielt Karl Kern die Vorladung zur ‚Gestapo‘ für den darauffolgenden Tag. Er sah aufgrund der geplanten Verhaftung und Deportation für sich keinen anderen Ausweg mehr als Suizid zu begehen. Im Sterberegister ist vermerkt, dass er am 13. Mai um 15.15 Uhr in Mainz-Weisenau „auf dem Bahnkörper unterhalb der Zementfabrik tot aufgefunden“ wurde.

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In Robert Wasserburgs Aufzeichnungen kann man lesen:

13. Mai 1943 – ein schrecklicher, aufregender Tag, den man nie vergessen wird! Als auch C. (Carl) deportiert werden sollte, hat er sich bei Weisenau vor den Zug geworfen! (…) C. wurde verbrannt und im Grab seiner Frau A. beigesetzt. Nur wir vier, B., Liesel, Hili und ich waren dabei.

Foto: HdE


Verfasser*innen: Tillmann Krach und Renate Knigge-Tesch

Redaktionelle Bearbeitung: HdE




Literaturhinweise:

Baumann, Ursula: Vom Recht auf den eigenen Tod. Die Geschichte des Suizids vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, Weimar 2011.

Brüchert, Hedwig: „Arbeitsschlacht“, „Arisierung“, „Arbeitssklaven“. Aspekte des Mainzer Wirtschaftslebens in der Zeit des Nationalsozialismus, in: Der Nationalsozialismus in Mainz 1933-45, Terror und Alltag, Mainz 2008, S. 35-47, hier S. 42.

Brüchert, Hedwig/ Knigge-Tesche, Renate (Hrsg.): Der Neue Jüdische Friedhof in Mainz (Sonderheft der Mainzer Geschichtsblätter), Mainz 2013, S. 336.

Eschwege, Helmut/ Kwiet, Konrad: Selbstbehauptung und Widerstand. Deutsche Juden im Kampf um Existenz und Menschenwürde 1933 – 1945, Hamburg 1984.

Fischer, Anna: Erzwungener Freitod. Spuren und Zeugnisse von in den Freitod getriebener Juden der Jahre 1938 – 1945 in Berlin, Berlin 2007.

Goeschel, Christian: Selbstmord im Dritten Reich, Berlin 2011.

Haenel, Thomas: Amok und Kollektivsuizid. Selbsttötung als Gruppenphänomen, Paderborn 2012.

Jakobs, Liesel: Heimkehr in drei Jahrhunderten. Aus der Chronik einer Mainzer Familie, in: Mainzer Almanach. Beiträge aus Vergangenheit und Gegenwart, Mainz 1965, S. 147-184, hier: S. 175 f., 178 u. 180.

Kaplan, Marion: Between Dignity and Despair: Jewish Life in Nazi Germany, New York 1998.

Tagebuch einer Jüdischen Gemeinde 1941/43, Mainz 1968, S. 100-101.

Quellenhinweise:

Stadtarchiv Mainz: Geburtsregister 1885, Nr. 1217; Familienregister Mainz Nr. 14765, 23989 u. 46752; Heiratsregister Mainz 1922, Nr. 384; Sterberegister Mainz 1935, Nr. 85; Sterberegister Mainz-Weisenau 1943, Nr. 52; NL Oppenheim 51,20 (undatierte Liste der Belegung Mainzer „Judenhäuser“, S. 31)

Stadtarchiv Mainz Bild- und Plansammlung: BPSF 741 B; BPSF 7944 A

Landesarchiv Speyer: H 53 Nr. 1773 (Arisierungsliste)

Familienchronik, verfasst von Wolfgang Kern: Wir danken Wolfgang Kern und Stefan Wasserburg für die Überlassung zahlreicher Dokumente aus dem Familienbesitz.

Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland.



Der Stolperstein wurde am 06. Mai 2022 am Markt 5 verlegt.

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