Familie Goldschmidt
Manfred Moses Goldschmidt von 1933, Foto aus Patientenkartei
(© Archiv der Rheinhessen-Fachklinik Alzey)
Johanna (Hannchen) Goldschmidt, geb. Fröhlich
- geboren am 27. April 1881 in Unteralterheim, Würzburg
- deportiert am 28. Oktober 1944 nach Auschwitz
Josef Goldschmidt
- geboren am 15. Februar 1876 in Würzburg
- deportiert am 28. Oktober 1944 nach Auschwitz
Manfred Moses Goldschmidt
- geboren am 11. Oktober 1911 in Würzburg
- deportiert am 30. April 1942 nach Ghetto Krasniczyn
,Heimeinkaufsvertrag’
Nach der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 begann man vermehrt jüdische Menschen, die zu diesem Zeitpunkt über 65 Jahre alt waren, Verwundete aus dem Ersten Weltkrieg, nicht-jüdische Frauen aus ,Mischehen’ und sogenannte ,Geltungsjuden’ nach Theresienstadt zu deportieren. Das Ghetto und Konzentrationslager Theresienstadt hatte innerhalb des nationalsozialistischen Lagersystem eine gewisse Sonderstellung, da es als eine Art Vorzeigelager galt und in der NS-Propaganda als Altersdomizil präsentiert wurde. Viele Juden*Jüdinnen mit beweglichem Vermögen, etwa Wertpapieren, Bankkonten und Hypotheken, mussten vor ihrer Deportation sogenannte ,Heimeinkaufsverträge’ unterschreiben. In dem Vertrag mit der ,Reichsvereinigung’ wurde ihnen ein Platz in dem ,Theresienstädter Altersheim’ zugesichert. Die Verträge sollten so die Mordabsicht verschleiern und stattdessen eine ,Wohnsitzverlegung’ suggerieren. Bei der Weigerung eines Vertragsabschlusses wurde den Juden*Jüdinnen durch die Gestapo mit einem ,Osttransport’, also einer Deportation in ein Konzentrations- oder Vernichtungslager in das besetzte Polen, gedroht. Meist mussten die Juden*Jüdinnen ihr gesamtes Vermögen hierfür aufbringen und erfuhren erst bei der Ankunft im ,Ghetto Theresienstadt’, dass es sich bei den Verträgen um einen Betrug handelte. Statt Einzelzimmer, Fürsorge und Pflege erwartete sie katastrophale Unterbringungen und Verpflegung. Es gab kaum geheizte Wohnstätten, mangelhafte Ernährung und unzureichende ärztliche Versorgung. Über 300.000 der nach Theresienstadt deportierten Menschen starben an den dort herrschenden menschenunwürdigen Bedingungen noch in diesem Lager. Über 70.000 Menschen wurden weiter in Vernichtungslager deportiert und dort ermordet. Ab Herbst 1942 wurden viele Juden*Jüdinnen im Alter von über 65 Jahren nicht mehr nach Theresienstadt, sondern direkt in ein Vernichtungslager im Osten deportiert.
Josef Goldschmidt, 1876 in Würzburg geboren, eröffnete um 1900 in Würzburg eine Herrenschneiderei mit Ladengeschäft. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Unteroffizier in einer Eisenbahn-Einheit teil. Ab 1937 war der gelernte Schneider ohne Beschäftigung. Verheiratet war Josef Goldschmidt mit Johanna (Hannchen) Fröhlich, die 1881 in Unteraltertheim im Landkreis Würzburg geboren worden war. Das Ehepaar hatte acht Kinder. 1927 zog die Familie nach Hanau, später lebte sie in Frankfurt am Main und Mainz. In Mainz besaß die Familie die traditionell-jüdische Gaststätte “Restaurant Goldschmidt” in der Klarastraße 13, das zuletzt vor den Deportationen auch als Wärmestube der jüdischen Gemeinde genutzt wurde.
Josef Goldschmidt und seine Ehefrau Hannchen Goldschmidt, geborene Fröhlich, schlossen am 11. September 1942 einen sogenannten ‚Heimeinkaufsvertrag‘, der ihnen angeblich lebenslang freie Unterkunft und Verpflegung, Wäschedienst und ärztliche Versorgung in einer Gemeinschaftsunterbringung – Ghetto Theresienstadt – sicherte. Auf dem ,Heimeinkaufsvertrag’ steht die Adresse Löwenhofstraße 4, jedoch ist davon auszugehen, dass es sich hierbei nicht mehr um einen frei gewählten Wohnort handelte. Von Mainz aus wurden sie am 24. September 1942 nach Darmstadt, am 30. September 1942 weiter nach Theresienstadt und am 28. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Die acht Kinder des Ehepaars hatten ganz unterschiedliche Schicksale. Die beiden ältesten Söhne Leopold Isaak und Max Meier wurden beide Opfer der Shoah. Leopold Isaak, 1906 geboren, lebte wohl zweitweise in Berlin, Frankfurt am Main und Mainz. 1935 heiratete er Herta Marie Per. Sein weiteres Schicksal ist leider nicht weiter bekannt. Nach dem privaten Zeugnis einer Verwandten ist er im Holocaust unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Max Meier Goldschmidt, 1907 geboren, lebte nach einer kaufmännischen Ausbildung in Düsseldorf und Aachen, zeitweise wohl auch in Mainz. Von Aachen aus wurde er am 22. März 1942 nach Izbica und von dort aus vermutlich am 14. Mai 1942 weiter nach Majdanek deportiert und ermordet.
Die älteste Tochter Recha, 1909 geboren, war als gelernte Krankenschwester im Jüdischen Schwesternhaus und im Rothschild’schen Hospital in Frankfurt am Main, später im Israelitischen Kurhospiz am Altenberg in Bad Kissingen tätig. 1937 kehrte sie zu ihrer Familie nach Mainz zurück, ehe ihr dann die Emigration nach England gelang. Dort heiratete sie Arnold Thoms, mit dem sie eine Tochter, Vera Thoms, hatte. Nach Kriegsende kehrte sie nach Deutschland zurück, wo sie 2001 mit 92 Jahren verstarb.
Auch der 1913 geborenen Tochter Charlotte (Lotte) Goldschmidt, dem 1914 geborenen Sohn Heinrich und dem 1918 geborenen Sohn Bernhard Goldschmidt gelang die Flucht aus Deutschland. Charlotte Goldschmidt ließ sich in San Francisco nieder. Heinrich Goldschmidt emigrierte nach seiner Tätigkeit als Lehrer an jüdischen Volksschulen noch vor Kriegsbeginn nach England und später in die USA. Dort schlug er eine Artistenlaufbahn ein und wurde als Balljongleur bekannt. 1962 kehrte er nochmals nach Würzburg, seiner Geburtsstadt, zurück, ehe er 1980 wieder nach Kalifornien auswanderte. 2005 starb er in Santa Cruz, wo er zuvor längere Zeit gelebt hatte. Bernhard Goldschmidt emigrierte zunächst nach Tel Aviv, später nach San Francisco, wo er 1950 Irmgard Schanzer aus Köln heiratete.
Der jüngste Sohn, Emanuel Goldschmidt, geboren am 12. April 1920, wurde nur ein Jahr alt und verstarb bereits 1921.
Leopold Isaak Goldschmidt
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