Dr. Berta Erlanger


Portrait Dr. Berta Erlanger

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Kurzbiografie:

  • Geboren am 22. April 1884 in Augsburg
  • Gestorben am 9. Juli 1933 in Mainz an den Folgen eines Suizidversuchs

Jüdische Frauen/Ärztinnen

Jüdische Ärzt*innen wurden nach der ‚Machtergreifung’ der Nationalsozialisten 1933 nach und nach aus ihren Berufen gedrängt. So verloren sie zunächst ihre Kassenzulassung, ehe ihnen schließlich 1938 die Approbation entzogen wurde. Nur ein kleiner Teil der jüdischen Ärzt*innen durfte sich nun unter der Bezeichnung „Krankenbehandler“ um die Versorgung der jüdischen Kranken kümmern, da diese von nichtjüdischen Ärzt*innen nicht mehr behandelt werden durften. Darüber hinaus wurden jüdische Ärzt*innen aus dem Klinikdienst und an den Universitäten entlassen. Damit einher gingen offene Anfeindungen seitens der Bevölkerung und auch Aktionen von nationalsozialistischen Gruppierungen wie der SA, die sich vor den Eingängen zu den Praxen jüdischer Ärzt*innen positionierten und Patient*innen den Zutritt verwehrten. Schätzungsweise die Hälfte der insgesamt 8.000 deutschen jüdischen Ärzt*innen emigrierte und etwa ein Viertel wurde im Holocaust vom NS-Regime ermordet. Berta Erlanger, die in Mainz in ihrer Praxis als „praktische Ärztin und Spezialärztin für Kinderkrankheiten“ tätig war, meldete sich infolge des steigenden Drucks auf jüdische Ärzt*innen bereits im April 1933 aus der „Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde“ ab. Ebenfalls im Jahr 1933 verlor sie wie die anderen jüdischen Ärzt*innen im Deutschen Reich am 22. April ihre Krankenkassenzulassung. Zu Beginn ihres Medizinstudiums im Wintersemester 1903/04 war sie eine der wenigen weiblichen Ausnahmen. Auch, dass Sie in Mainz eine eigene Praxis führte; war für Ärztinnen zu dieser Zeit eine Seltenheit.


Berta Erlanger wurde am 22. April 1884 als drittes Kind des Kaufmanns Jakob Erlanger und seiner Frau Emilie, geborene Neuburger, in Augsburg geboren. Jakob Erlanger, geboren am 4. Dezember 1852, stammte aus Buchau, Amt Riedlingen in Württemberg, wo eine bedeutende jüdische Gemeinde bestand. Bertas Vater war über seine Mutter Pauline Einstein entfernt verwandt mit Albert Einstein, dessen Eltern ebenfalls aus Buchau stammten. Die Familie Erlanger lebte in Augsburg in der Maximilianstraße. Berta hatte drei Geschwister: einen Bruder, Hugo (geboren 1881), eine ältere Schwester, Ida (geboren 1883) und eine jüngere Schwester, Adele (geboren 1891).

Studienbescheinigung der Universität Heidelberg für Berta Erlanger
Quelle: Universitätsarchiv Heidelberg, Studien- und Sittenzeugnis vom 14. August 1906.

Berta besuchte zunächst die Höhere Mädchenschule in Augsburg und wechselte 1900 an das Münchener Privat-Mädchen-Gymnasium, um im Juli 1903 am dortigen Maximiliansgymnasium das Abitur abzulegen. Zum Wintersemester 1903/04 wurde sie an der Universität Heidelberg als „Studiosus med.“ – also Medizinstudentin – immatrikuliert. Für Frauen war es damals noch nicht selbstverständlich, ein Hochschulstudium anzustreben, und sie war eine von sehr wenigen weiblichen Studierenden unter vielen männlichen Kommilitonen. 1905/06 absolvierte sie das Physikum in Heidelberg, legte im Dezember 1908 das Staatsexamen ab und leistete vom 1. Januar bis 1. Mai 1909 an der medizinischen Poliklinik in Heidelberg sowie anschließend bis 31. Dezember 1909 an der Großherzoglich Badischen Heil- und Pflegeanstalt in Wiesloch/Baden das Praktische Jahr ab. Am 5. September 1910 wurde sie bei Professor Fleiner an der Universität Heidelberg promoviert; das Thema ihrer Dissertation lautete: „Beiträge zur Diagnose des Magencarcinoms mit besonderem Hinweis auf das Schmerzsymptom“.

Die Approbation erfolgte am 18. Januar 1910. Ab Oktober 1910 arbeitete Berta Erlanger als Hilfsärztin an der Heil- und Pflegeanstalt in Wiesloch, 1912 wurde sie Assistenzärztin am städtischen Krankenhaus in Augsburg und nahm 1914 eine Stelle am Friedrichs-Waisenhaus der Stadt Berlin in Rummelsburg an. Sie hatte sich entschlossen, sich in Kinderheilkunde zu spezialisieren. So arbeitete sie auch einige Monate an einem Hamburger Säuglingsheim und veröffentlichte verschiedene Beiträge in Fachzeitschriften.

Während des Ersten Weltkriegs war sie zeitweise am Städtischen Krankenhaus in Wiesbaden tätig. 1917 ließ sie sich in Mainz als „praktische Ärztin und Spezialärztin für Kinderkrankheiten“ nieder. Ihre Praxis befand sich zunächst am Forsterplatz 3, dann in der Großen Bleiche 12 im 2. Stock, wo sie zeitweise auch wohnte. Vermutlich war sie die erste Kinderärztin in der Stadt. Unter den niedergelassenen Pädiater*innen in Deutschland war der Anteil jüdischer Ärzt*innen sehr hoch; er betrug über 50%.

Was hatte Berta Erlanger nach Mainz geführt? Ob sie hier die Möglichkeit erhielt, eine Praxis zu übernehmen, oder ob ihre Schwester Adele zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem Heidesheimer Arzt Dr. Otto Ebner verlobt war und Berta in der Nähe des zukünftigen Wohnorts ihrer jüngeren Schwester leben wollte, ist unbekannt. Aus den Augsburger Meldeunterlagen geht nur hervor, dass sich die damals 25-jährige Adele Erlanger bereits während des Ersten Weltkriegs, im Jahr 1917, einige Monate lang – möglicherweise als Lazarettschwester – in Mainz aufgehalten hatte. Nach ihrer Eheschließung lebte Adele dann in Heidesheim bei Mainz. Bereits zuvor gab es verwandtschaftliche Beziehungen hierher an den Rhein: Ein Cousin zweiten Grades von Bertas Vater – auch er hieß Jakob Erlanger und war 1835 in Buchau geboren – war Mitte des 19. Jahrhunderts nach Mainz gegangen und wurde 1864 Teilhaber der Mainzer Privatbank Bertram Herz. Sein Grab befindet sich auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Mainz.

Große Bleiche, um 1936/1938. Häuser mit Hakenkreuzbeflaggung. Blick Richtung St. Peter. Rechts: Juwelier Martin Josef Rückert (Große Bleiche 12).

Die nationalsozialistische Machtübernahme bedeutete für die gesamte jüdische Bevölkerung in Deutschland unmittelbar einen starken Einschnitt. Dies galt auch für Ärzt*innen, auch wenn die Zurücknahme der Approbationen erst 1938 offiziell verkündet wurde. Zunehmend wurde ihnen die Ausübung ihres Berufs erschwert und schließlich ganz verboten.[1] In Mainz fand bereits im März und dann nochmals reichsweit am 1. April 1933 ein Boykott statt, der nicht nur Geschäfte jüdischer Inhaber*innen, sondern auch Anwaltskanzleien und Arztpraxen traf. Vor den Hauseingängen postierte SA-Männer schreckten die Ratsuchenden, Patient*innen vom Besuch der Kanzleien und Praxen jüdischer Ärzt*innen sowie jüdischer Anwälte ab.

Grabstein von Dr. Berta Erlanger auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Mainz
(Foto: Hedwig Brüchert).

Am 19. April 1933 meldete sich Berta Erlanger als Mitglied aus der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde ab. Vermutlich war der Austritt den jüdischen Mitgliedern nahegelegt worden, wie dies im Zuge der sogenannten ‚Gleichschaltung’ in allen Organisationen und Vereinen geschah. Am 22. April 1933 verloren die jüdischen Ärzt*innen ihre Zulassung bei den Krankenkassen, was ihnen einen Großteil ihrer Patient*innen nahm. Als Berta Erlanger kommen sah, dass sie ihren geliebten Beruf im nationalsozialistischen Staat nicht mehr lange würde ausüben dürfen, wollte sie nicht mehr weiterleben. Sie starb am 9. Juli 1933 im Mainzer Städtischen Krankenhaus an den Folgen eines Selbstmordversuchs. Ihr Grab befindet sich auf dem Neuen Jüdischen Friedhof (Feld 11, Reihe 5, Nr. 4).


Foto: HdE

[1] Die Worterklärung dazu ist unter ‚Arisierung’ zu finden.


Verfasserin: Hedwig Brüchert

Redaktionelle Bearbeitung: HdE



Literaturhinweise:

Brüchert, Hedwig: Dr. Berta Erlanger (1884-1933). Kinderärztin in Mainz, in: Kern, Susanne & Plättner, Petra (Hrsg.): Frauen in Rheinhessen 1816 bis heute, Mainz 2015, S. 95–98.

Brüchert, Hedwig: Dr. Berta Erlanger, in: Knigge-Tesche, Renate & Brüchert, Hedwig (Hrsg.): Der Neue Jüdische Friedhof in Mainz. Biographische Skizzen zu Familien und Personen, die hier ihre Ruhestätte haben. Mit einem Beitrag zur Trauerhalle von Ansgar Brockmann (Sonderheft der Mainzer Geschichtsblätter), Mainz 2013, S. 79–83.

Frauenbüro Landeshauptstadt Mainz: Frauenleben in Magenza. Die Porträts jüdischer Frauen und Mädchen aus dem Mainzer Frauenkalender und Texte zur Frauengeschichte im jüdischen Mainz. Mainz 2015.

Schuster, Josef: Jüdische Ärztinnen und Ärzte in der NS-Zeit. Jörg-Dietrich-Hoppe-Vorlesung 2018: Vortrag des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, über „Jüdische Ärztinnen und Ärzte in der NS-Zeit. Erinnerung an Schicksale und Lehren aus der Vergangenheit. Düsseldorf 06.12.2018. <URL: https://www.zentralratderjuden.de/aktuelle-meldung/artikel/news/juedische-aerztinnen-und-aerzte-in-der-ns-zeit/> [aufgerufen am 18.09.2020].



Foto: HdE

Der Stolperstein wurde am 8. November 2017 in der Großen Bleiche 12 verlegt.

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