Dr. Arthur Levy


Stolperstein für Dr. Arthur Levy


Kurzbiografie:

  • Geboren am 26. Juli 1880 in Mainz
  • Gestorben am 02. August 1941 in Mainz

Restitution und die Debatte darüber in der Nachkriegszeit

Während des Nationalsozialismus wurden viele vermögende Jüdinnen*Juden enteignet. Durch die ‚Arisierung‘ ging Besitz jüdischer Menschen in nationalsozialistischen Besitz über. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und somit auch der nationalsozialistischen Diktatur endete zwar die Verfolgung und Ermordung jüdischer Bürger*innen, der während des Nationalsozialismus geraubte Besitz wurde allerdings nicht zwangsläufig zurückgegeben. In der Nachkriegszeit kam infolge der juristischen, gesellschaftlichen sowie historischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus die Frage nach der Restitution, also der Rückerstattung, sogenannter ‚NS-Raubkunst‘ sowie weiteren geraubten Eigentums an die eigentlichen jüdischen Besitzer*innen auf. Ein weltweit bekannter Fall von Restitution jüdischen Besitzes ist der Fall des Gemäldes ‚Adele Bloch-Bauer I‘, welches 1907 von Gustav Klimt gemalt und im ‚Dritten Reich‘ durch die Nationalsozialisten geraubt wurde. Die Erbin der Familie Bloch-Bauer (das Gemälde zeigt Adele Bloch-Bauer), Maria Altmann, erhielt im Jahr 2006 nach einem jahrelangen Rechtsstreit mit dem Staat Österreich fünf Gemälde Klimts, die ursprünglich ihrem Onkel gehörten, zurück. In Deutschland wurde Ende des Jahres 1999 die „Gemeinsame Erklärung zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz“ durch den Bund, die Länder und die Kommunen unterzeichnet. Aufgrund dieser Erklärung sind öffentliche Kultureinrichtungen sowie auch private Bürger*innen dazu aufgefordert, ihren Besitz zu untersuchen, um festzustellen, ob es sich dabei eventuell um NS-Raubgut handelt. Sollte dies der Fall sein, sind sie dazu verpflichtet, die jeweiligen Untersuchungen, auch wenn es sich um unklare Fälle handelt, offenzulegen. Die Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der Kommunen kam aufgrund der Washingtoner Konferenz des Jahres 1998 zustande, auf der sich Deutschland mit weiteren 43 Staaten dazu verpflichtete, nach NS-Raubkunst zu suchen, um danach entschädigende Maßnahmen zu treffen. 2015 wurde das „Deutsche Zentrum Kulturgutverluste“ eingerichtet, das als Ansprechpartner für Fragen und Probleme bezüglich der Erklärung fungiert. Die beiden Beispiele, der Fall der ‚Frau in Gold‘ in Österreich und die ‚Gemeinsame Erklärung‘ in Deutschland, zeigen, dass die Debatte über Restitution von geraubtem jüdischem Besitz und der tatsächliche Prozess der Rückgabe nur sehr schleppend vorangeht und am Beispiel von Deutschland erst sehr spät eine zentrale Anlaufstelle geschaffen wurde. Auch bezüglich anderer historischer Epochen wird über Restitution von geraubtem Besitz debattiert. Der Begriff ‚Restitution‘ wird in der medialen Berichterstattung sehr häufig in Verbindung mit der Rückgabe von während der Kolonialzeit geraubter Kunst genannt. So kam es in den letzten Jahren immer wieder zur Rückgabe von einigen Kunstwerken aus deutscher Hand an Namibia. Die Debatte bleibt hier jedoch aktuell, da sich weiterhin viel namibischer Besitz in deutschen Museen befindet. Der Mainzer Dr. Arthur Levy und sein Bruder Oskar Levy mussten zu Beginn des Jahres 1939 ihren Besitz an Schmuck sowie Gold- und Silbergegenständen aufgrund der beginnenden ‚Arisierung‘ an die Nationalsozialisten übergeben.


Arthur Levy wurde am 26. Juli 1880 in Mainz geboren. Seine Eltern, Nathan und Rosalie Emilie, geborene Fridberg, sind beide auf dem Neuen Jüdischen Friedhof bestattet. Sein zwei Jahre nach ihm geborener Bruder Richard verstarb bereits 1938 im Alter von 55 Jahren, der 1884 geborene Oskar wurde von den Nationalsozialisten ermordet.


Alle drei Brüder wohnten in der Schusterstraße 10, laut Adressbuch wohnten Richard und Arthur im ersten und Oskar im zweiten Obergeschoss. Für die beiden jüngeren ist als Beruf „Schuhhändler“ vermerkt. Arthur jedoch hatte (zuletzt in Gießen) Jura studiert und im Herbst 1901 die erste juristische Staatsprüfung mit „gut“ bestanden. Den Vorbereitungsdienst absolvierte er an den Mainzer Gerichten und beim Hessischen Kreisamt. 1905 legte er das Assessorexamen ab – welches ebenfalls mit „gut“ bewertet wurde – und wurde ein Jahr später in Heidelberg „insigni cum laude“ (entspricht einem „sehr gut“) promoviert. Wie damals üblich musste er sich in den ersten Jahren seiner beruflichen Tätigkeit mit richterlichen Hilfstätigkeiten begnügen, bevor am 27. Mai 1919 durch die Ernennung zum Richter am Amtsgericht Osthofen seine planmäßige Anstellung erfolgte. Knapp sechs Jahre später wurde er zum Landgerichtsrat befördert.


Arthur Levy war unverheiratet. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war er 52 Jahre alt. Er profitierte nicht von dem im „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ für ‚nichtarische‘ Beamte vorgesehenen ‚Altbeamtenprivileg‘ und hatte auch nicht im Ersten Weltkrieg „an der Front gekämpft“, wie es der zweite Ausnahmetatbestand formuliert, sodass zum 16. Juni 1933 seine Versetzung in den Ruhestand erfolgte.

Kennkarte von Dr. Arthur Levy

Über den Fortgang der Diskriminierung und Ausbeutung geben die Akten des von seinen Neffen nach dem Krieg angestrengten Wiedergutmachungsverfahrens Aufschluss. So heißt es in einem anwaltlichen Schriftsatz:

Anfang des Jahres 1939 waren sowohl der Erblasser Oskar Levy wie auch Dr. Arthur Levy gezwungen, alle Schmucksachen und Gold- und Silbergegenstände abzuliefern. Im Hause der Brüder Levy in Mainz, Schusterstraße 10 befanden sich Juwelen und Gegenstände aus Edelmetallen der Eltern, da die beiden unverheirateten Brüder, Dr. Arthur Levy und Richard Levy, der 1938 verstorben war, die gesamten Einrichtungsgegenstände der Eltern übernommen hatten.

Dann werden die Gegenstände aufgezählt, die Oskar und Arthur Levy bei der Städtischen Pfandleihanstalt abliefern mussten. Und man bekommt einen Eindruck von den sogenannten gutbürgerlichen Wohnverhältnissen der beiden, wenn es dort heißt:

Der Erblasser besaß in seinem Hause in Mainz, Schusterstraße 10 eine aus 6 Zimmern und Küche bestehende Wohnung. Landgerichtsrat Dr. Arthur Levy hatte im gleichen Hause eine aus 7 Zimmern und Küche bestehende Wohnung inne. Als er im August 1941 verstarb, löste der Erblasser den Haushalt des Bruders auf. Er übernahm jedoch die außergewöhnlich umfangreiche und wertvolle Bibliothek, 1 Flügel, 4 Orient-Teppiche, Perserbrücken, Ölgemälde, Kunstgegenstände und eine Sammlung von Meissner Porzellan-Figuren.

©privat

Im Sterberegister vom 2. August 1941 ist als Todesursache „Herzschlag“ vermerkt. Über die Begleitumstände dieses „Herzschlags“ braucht man nicht lange zu spekulieren. Arthur Levys letzte Ruhestätte ist auf dem Neuen Jüdischen Friedhof, dort, wo auch sein jüngerer Bruder Richard gut drei Jahre zuvor beerdigt worden war.


Foto: HdE

Verfasser: Tillmann Krach

Redaktionelle Bearbeitung: HdE



Literaturhinweise:

Alker-Windbichler, Stefan/ Bauer, Bruno/ Stumpf, Markus: NS-Provenienzforschung und Restitution an Bibliotheken, Berlin u. a. 2017.

Bloch, Werner: Restitutionen statt Reparationen? Deutsch-namibisches Verhältnis, URL: https://www.deutschlandfunk.de/deutsch-namibisches-verhaeltnis-restitutionen-statt-100.html [Zugriff: 20.06.2022].

Farack, Bettina: NS-Raubgut nach 1945. Seine Wege als Teil herrenloser Bestände und seine Auffindung, Berlin 2017 (= Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft, Bd. 417).

Goschler, Constantin/ Andrieu, Claire (Hrsg.): Raub und Restitution. ‚Arisierung‘ und Rückerstattung des jüdischen Eigentums in Europa, Frankfurt am Main 2003.

Schönberger, Sophie: Was heilt Kunst? Die späte Rückgabe von NS-Raubkunst als Mittel der Vergangenheitspolitik, Göttingen 2019.

Silverman, Lisa: Gustav Klimt, Adele Bloch-Bauer I, URL: https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/geteilte-geschichte/340148/gustav-klimt-adele-bloch-bauer-i/#node-content-title-1 [Zugriff: 20.06.2022].

Strelow, Irena: Studien zur Provenienzforschung. Band 3: System und Methode. NS-Raubkunst in deutschen Museen, Berlin.

Verna, Sascha: Die Frau in Gold. Klimt-Porträt in New York, URL: https://www.deutschlandfunk.de/klimt-portraet-in-new-york-die-frau-in-gold-100.html [Zugriff: 20.06.2022].

O. V.: NS-Raubgut: Aufarbeitung und Restitution, URL: https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/bundeskanzleramt/staatsministerin-fuer-kultur-und-medien/kultur/rueckgabe-ns-raubkunst [Zugriff: 20.06.2022].

Quellenhinweise:

Akten des Landgerichts Mainz Landesarchiv Speyer

Akten des Justizministeriums Hessisches Staatsarchiv Darmstadt

Familienregister Stadtarchiv Mainz

Mainzer Adressbücher

Sterberegister Stadtarchiv Mainz



Der Stolperstein wurde am 6. Mai 2022 in der Schusterstraße 10 verlegt.

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