Dr. Siegmund Levi



Dr. Siegmund Levi

  • geboren am 14. Juni 1864 in Mainz
  • ermordet am 21. Februar 1943 in Theresienstadt

Politisch nicht hervorgetreten, galt früher als national gesinnter Jude.

(Vermerk zur „politischen Zuverlässigkeit“ in einem Fragebogen zu Siegmund Levi, vermutlich 1934)


Schon der Vater Siegmund Levis war ein hoch angesehener Rechtsanwalt und Mitglied der Stadtverordnetenversammlung. Als Bernhard Levi 1883 starb, widmete ihm das Mainzer Tageblatt einen ausführlichen Nachruf und berichtete auf der Titelseite über einen „Leichenzug, wie ihn Mainz noch selten gesehen hat“.

Briefkopf Dr. Siegmund Levis

Siegmund Levi war fast 50 Jahre Anwalt gewesen. Nach einem „sehr guten“ ersten Staatsexamen promovierte er 1888 in Gießen mit der Dissertation „Vorname und Familienname im Recht“ und begann seine Anwaltskarriere mit der im Dezember 1889 erfolgten Zulassung beim „Großherzoglichen Landgericht der Provinz Rheinhessen“. Die Kanzlei residierte in der Kaiserstraße, aber wohl bereits 1932 verlegte Levi das Büro in sein Wohnhaus in der Uferstraße 57, welches sein Vater erworben hatte. Bis zu ihrer ‚Gleichschaltung‘ war er Mitglied des Vorstandes der Hessischen Anwaltskammer.

Die Biografie Siegmund Levis zeigt exemplarisch in aller Brutalität und tödlichen Konsequenz die Vernichtungsstrategie der Nationalsozialisten. Er verlor alles. Siegmund Levi verlor seine berufliche Existenz (während sein Jahreseinkommen 1930 noch 14.500 RM betrug, schwankte es 1933 bis 1937 zwischen 1.000 und 4.000 RM, zum 1. März 1938 erklärte er den Zulassungsverzicht) und er verlor das ererbte von der berühmten Mainzer Firma Bembé eingerichtete Haus, das er Ende 1937 an die Ehefrau eines Binger Kollegen verkaufte. Darüber hinaus verlor Siegmund Levi einen Großteil der luxuriösen Wohnungseinrichtung, die er bei seinem Umzug nach Frankfurt Anfang 1938 zu Spottpreisen verkaufen musste und schließlich auch größere Mengen Silber und eine wertvolle Münzsammlung, für deren Abtransport in die Pfandleihanstalt Anfang 1939 zwei Autofahrten erforderlich waren.

Zuletzt blieben ihm in seiner 2-Zimmer-Wohnung im jüdischen Altersheim in Frankfurt nur noch Gemälde und Bücher, wie Michel Oppenheim als Zeuge im Wiedergutmachungsprozess am 11. Oktober 1962 berichtet hat:

„Ich kann mich genau daran erinnern, dass die Wände beider Räume voll gespickt mit Kupferstichen waren. Und zwar handelte es ich um Kupferstiche von Rembrandt, Dürer, den deutschen Kleinmeistern und Franzosen aus dem 18. Jahrhundert. […] Außerdem hatte er ein Ölbild, welches ein Selbstbildnis von Rembrandt darstellte. Ich muss jedoch in Beziehung auf dieses Bild erwähnen, dass die Urheberschaft nicht zweifelsfrei war. […] Im Schlafzimmer hatte er dann noch eine Holzplastik, die den „Heiligen Martin“ darstellte, die aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gestammt haben dürfte. Daneben besaß er 2 Kästen mit verschiedenem Porzellan, u.a. auch Höchster Porzellan und Buxfiguren. […] Ferner besaß er einen ganzen Schrank voll Moguntiacas (etwa 400 Bändchen).“

Natürlich entrichtete auch Levi 1939 die ‚Judenvermögensabgabe‘ (4.000 RM) und überwies im September 1942 die gleiche Summe auf ein Sonderkonto der Jüdischen Gemeinde in Erfüllung des „Heimeinkauf-Vertrages“, der seine Deportation nach Theresienstadt besiegelte, wohin er bereits am 18. August deportiert worden war. Ein halbes Jahr später verstarb der 78-jährige Siegmund Levi im Februar 1943 im Lager Theresienstadt.


Steuererklärung Dr. Siegmund Levis

In seiner 1940 verfassten letztwilligen Verfügung ernannte Levi den einzigen in Mainz noch – mit „Konsulenten“status – zugelassenen ‚nichtarischen‘ Kollegen Heinrich Winter zum Testamentsvollstrecker. Er und seine Nachfolger im Amt bemühten sich für die nach Argentinien ausgewanderten Erben um Wiedergutmachung – allerdings mit bescheidenen Resultaten. Die entsprechenden Bescheide datieren erst aus 1960, die Zeit in Theresienstadt wurde als „Schaden an Freiheit“ mit 24.090 DM entschädigt und die Zahlung für den „Heimeinkauf-Vertrag“ mit 800 DM. Für entzogene Wertpapiere, das Wohnungsinventar, die Kunstwerke und die Münzsammlung zahlte der Staat aufgrund eines erst im März 1971 geschlossenen Vergleichs 11.000 DM. Der Verbleib der Kunstwerke und der Münzsammlung scheint ungeklärt, zumindest ein Gemälde wurde aber im Zuge der Provenienzforschung des Städel-Museums ausfindig gemacht.



Text: Dr. Tillmann Krach

Redaktionelle Bearbeitung: HdE





Der Stolperstein für Dr. Siegmund Levi wurde am 8. November 2017 in der Uferstraße 57 verlegt.

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