{"id":5903,"date":"2026-02-20T12:25:46","date_gmt":"2026-02-20T11:25:46","guid":{"rendered":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/?page_id=5903"},"modified":"2026-02-20T12:31:28","modified_gmt":"2026-02-20T11:31:28","slug":"bertha-ernst-heinz-schloesser","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/stolpersteine-in-mainz\/biografien\/bertha-ernst-heinz-schloesser\/","title":{"rendered":"Bertha, Ernst und Heinz Leopold Schl\u00f6sser"},"content":{"rendered":"\n<br>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\nngg_shortcode_0_placeholder\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<br>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Bertha Schl\u00f6sser, geb. Stern<\/h3>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>geboren am 14. Dezember 1887 in Wieseck<\/li>\n\n\n\n<li>am 20. M\u00e4rz 1942 nach Piaski deportiert<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ernst Schl\u00f6sser<\/h3>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>geboren am 16. Januar 1884 in S\u00f6rgenloch<\/li>\n\n\n\n<li>am 20. M\u00e4rz 1942 nach Piaski deportiert<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Heinz Leopold Schl\u00f6sser<\/h3>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>geboren am 16. August 1921<\/li>\n\n\n\n<li>Flucht 1938 in die USA<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<p>Ernst Schl\u00f6sser wurde am 16. Januar 1884 als j\u00fcngstes von vier Kindern des Viehh\u00e4ndlers David Schl\u00f6sser und seiner Frau Karoline (geb. Rothschild) in S\u00f6rgenloch geboren. Nach der Volksschule besuchte er die Oberrealschule in Mainz, die er mit der mittleren Reife abschloss. Anders als seine Br\u00fcder stieg er nicht in das Viehgesch\u00e4ft ein, sondern begann 1902 seinen Vorbereitungsdienst f\u00fcr das mittlere Justizfach am Amtsgericht Mainz. Die Pr\u00fcfung f\u00fcr mittlere Justizbeamte bestand er mit guten Ergebnissen. Von 1908 bis 1912 arbeitete er als Justizobersekret\u00e4r am Amtsgericht Mainz, wo ihm im Juni 1912 ein exzellentes Zeugnis ausgestellt wurde, das seinen gro\u00dfen Flei\u00df, seine enorme Gewissenhaftigkeit und seine musterhafte dienstliche F\u00fchrung bescheinigte. In diesem Jahr wechselte er in gleicher Funktion an das Amtsgericht in W\u00f6llstein, wo er auch wohnte. Zu dieser Zeit muss er seine k\u00fcnftige Frau Bertha kennengelernt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bertha wurde am 14. Dezember 1887 in Wieseck (bei Gie\u00dfen) als j\u00fcngste Tochter des Viehh\u00e4ndlers L\u00f6b Stern und seiner Frau Sette (geb. Kehrmann) geboren. Ihr Vater starb zwei Jahre nach ihrer Geburt im Alter von 50 Jahren. Nach der Schule zog Bertha nach Worms, um dort als Verk\u00e4uferin zu arbeiten.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"594\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Berta-Ernst-w-umbrella-1937-edited-copy-594x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5910\" style=\"width:250px\" srcset=\"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Berta-Ernst-w-umbrella-1937-edited-copy-594x1024.jpg 594w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Berta-Ernst-w-umbrella-1937-edited-copy-174x300.jpg 174w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Berta-Ernst-w-umbrella-1937-edited-copy-768x1324.jpg 768w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Berta-Ernst-w-umbrella-1937-edited-copy-891x1536.jpg 891w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Berta-Ernst-w-umbrella-1937-edited-copy-1188x2048.jpg 1188w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Berta-Ernst-w-umbrella-1937-edited-copy-87x150.jpg 87w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Berta-Ernst-w-umbrella-1937-edited-copy.jpg 1220w\" sizes=\"auto, (max-width: 594px) 100vw, 594px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em><sup>Ernst und Bertha Schl\u00f6sser, um 1937 \u00a9 privat<\/sup><\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Ernst und Bertha verlobten sich im Dezember 1912. Nachdem Ernst Schl\u00f6sser im M\u00e4rz 1913 zum B\u00fcrohilfsarbeiter bei der Stadt Mainz ernannt worden war, heirateten er und Bertha am 18. August 1913 in Frankfurt. Trauzeugen waren ihr Bruder Julius und Ernsts Bruder Alfred, die wie ihre V\u00e4ter Viehh\u00e4ndler waren. Seine erste gemeinsame Wohnung bezog das Paar in der Wallaustra\u00dfe 1 (2. Stock). Am 26. Mai 1914 wurde ihre Tochter Lieselotte, genannt Lolo, geboren. Sieben Jahre sp\u00e4ter, am 16. August 1921, kam ihr Sohn Heinz Leopold zur Welt. M\u00f6glicherweise stand die sp\u00e4te Geburt ihres zweiten Kindes in Zusammenhang mit der Erfindung des Insulins 1921. Denn als Diabetikerin war Bertha vorher sicher starken gesundheitlichen Einschr\u00e4nkungen ausgesetzt. Passend dazu beschrieb ihr Mann Ernst die Stimmungsschwankungen seiner Frau als \u201ehimmelhochjauchzend zu Tode betr\u00fcbt\u201c. Auch ihr Sohn Heinz erinnerte sich noch viele Jahre sp\u00e4ter an die emotionalen Auseinandersetzungen, die \u201eMutti\u201c mit seiner Schwester f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrenddessen machte Ernst Schl\u00f6sser Karriere bei der Stadt. 1915 wurde er vom B\u00fcrgermeister erst zum Stadtsekret\u00e4r ernannt, dann stieg er zum Verwaltungsinspektor und schlie\u00dflich zum Verwaltungsoberinspektor auf. 1929 wurde er schlie\u00dflich zum Verwaltungsamtsmann ernannt. Ernst Schl\u00f6sser war belesen, interessiert an Kunst und Kultur und besuchte mit seiner Frau h\u00e4ufig die Oper oder Konzerte. Heinz beschrieb seinen Vater als eleganten Mann mit Stock und Zylinder, der auf ein gepflegtes Erscheinungsbild und eine gute k\u00f6rperliche Kondition achtete. Er ging zu Fu\u00df zur Arbeit und sonntags machte er mit seiner Familie Wanderungen im Taunus. Jedes Jahr fuhr er mit Bertha zur B\u00e4derkur nach Bad Neuenahr oder Bad Nauheim und im Sommer mit der ganzen Familie in die Schweizer Berge. Die Schl\u00f6ssers f\u00fchrten ein gut situiertes Leben in der j\u00fcdischen Mittelschicht von Mainz. Sie waren Mitglieder der Hauptsynagoge und lebten die j\u00fcdischen Traditionen. Die Familie hatte auch ein Hausm\u00e4dchen, Maria, das sich nicht nur um den Haushalt k\u00fcmmerte, sondern auch auf Heinz aufpasste, wenn seine Eltern au\u00dfer Haus waren.<\/p>\n\n\n\n<p>1924 zog die Familie samt Hausm\u00e4dchen in die Albinistra\u00dfe 1 (2. Stock), direkt gegen\u00fcber des Realgymnasiums (heutiges Schlossgymnasium), das Heinz nach der Volksschule besuchen sollte. Als er im Alter von 10 Jahren in die weiterf\u00fchrende Schule mit reinen Jungenklassen kam, gefiel ihm das \u00fcberhaupt nicht. Das strikte Regiment regte ihn vielmehr zu Provokationen gegen\u00fcber den Lehrkr\u00e4ften an, die regelm\u00e4\u00dfig mit dem Rohrstock geahndet wurden. Ab 1933 steigerten sich die Bestrafungen der Lehrer noch und seine Mitsch\u00fcler begannen zudem, ihn zu schlagen. Zuhause erz\u00e4hlte Heinz davon nichts. Er f\u00fchlte sich zunehmend ausgeschlossen und isoliert, was er als Heranwachsender als extrem schmerzhaft empfand. Nur sein Freund Werner traf sich weiterhin mit ihm, wenn auch an entlegenen Orten, um beide nicht in Gefahr zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch zuhause \u00e4nderte sich das Leben der Familie mit der \u201aMacht\u00fcbernahme\u2018 Hitlers im Januar 1933 grundlegend. Im M\u00e4rz des gleichen Jahres wurde Ernst Schl\u00f6sser aus dem Beamtentum ausgeschlossen und in den fr\u00fchzeitigen Ruhestand versetzt, sehr zur Beruhigung seiner Frau Bertha, die vor allem die Repressalien und Gewalt auf der Stra\u00dfe be\u00e4ngstigten. Zu dieser Zeit waren die Kinder Heinz und Lolo 12 und 19 Jahre alt, Ernst Schl\u00f6sser selbst erst 49. Die stark ver\u00e4nderten Einkommensverh\u00e4ltnisse waren vermutlich der Grund, weshalb die Familie 1933\/34 in die Adam-Karrillon-Stra\u00dfe 66 (2. Stock) zog. Auch das Hausm\u00e4dchen Maria durfte seit 1934 nicht mehr f\u00fcr sie arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>1936 begann Ernst Schl\u00f6sser eine B\u00fcrot\u00e4tigkeit f\u00fcr die Reichsvertretung der Juden in Deutschland (Abteilung Zentralwohlfahrtsstelle), die mit 150 Mark bezahlt wurde. Das war nicht viel mehr als der Wohngeldzuschuss, den er neben seiner kleinen Pension erhielt. Lolo, zu der Zeit bereits 22 Jahre alt, verlobte sich im gleichen Jahr mit Kurt Mann, einem Mainzer Juden, bevor sie im Dezember 1936 nach Amerika emigrierte. Kurz darauf kam Kurt nach und die beiden heirateten am 8. September 1937 in Kansas City, Missouri. 1938 zogen Ernst, Bertha und Heinz Schl\u00f6sser noch einmal um, diesmal in die Leibnizstra\u00dfe 35 (2. Stock).<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"718\" src=\"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Ernst-and-Berta-castle-in-background-1938-39-copy-1024x718.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5884\" style=\"width:600px\" srcset=\"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Ernst-and-Berta-castle-in-background-1938-39-copy-1024x718.jpg 1024w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Ernst-and-Berta-castle-in-background-1938-39-copy-300x210.jpg 300w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Ernst-and-Berta-castle-in-background-1938-39-copy-768x538.jpg 768w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Ernst-and-Berta-castle-in-background-1938-39-copy-1536x1077.jpg 1536w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Ernst-and-Berta-castle-in-background-1938-39-copy-2048x1436.jpg 2048w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Ernst-and-Berta-castle-in-background-1938-39-copy-150x105.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em><sup>Ernst und Bertha Schl\u00f6sser, um 1938 \u00a9 privat<\/sup><\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Als Heinz aufgrund der antij\u00fcdischen Gesetze der Nationalsozialisten aus dem staatlichen Realgymnasium ausgeschlossen wurde, besuchte er f\u00fcr kurze Zeit die j\u00fcdische Schule an der Hauptsynagoge. In den gemischten Klassen und mit wohlwollenden Lehrkr\u00e4ften gefiel es ihm viel besser, auch wenn er wenig Motivation zum Lernen zeigte. F\u00fcr kurze Zeit schickte sein Vater ihn nach Pirmasens, damit er eine praktische Ausbildung erhielte. Er lernte, wie man Schuhleder zuschneidet. Aber dann entschieden Ernst und Bertha, ihn ebenfalls nach Amerika zu schicken. Die Ausreise des Sohnes bereitete Ernst Schl\u00f6sser sorgf\u00e4ltig vor. Er engagierte eine Englischlehrerin und lie\u00df ihm eine gro\u00dfz\u00fcgige Garderobe f\u00fcr alle Gelegenheiten schneidern, die zusammen mit Lolos Aussteuer-M\u00f6beln verschifft wurden. Heinz liebte seinen gelassenen \u201ePappeli\u201c, der immer zu Sp\u00e4\u00dfen aufgelegt war und lustige Spr\u00fcche wie \u201eVon hinten ein Lyzeum, von vorne ein Museum\u201c oder \u201eJedes B\u00f6hnchen hat ein T\u00f6nchen\u201c zum Besten gab. Selbst als Ernst Schl\u00f6sser seinen 16-j\u00e4hrigen Sohn f\u00fcr die gro\u00dfe \u00dcberfahrt nach Hamburg brachte, blieb er \u00e4u\u00dferlich gelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch die Zeit vor der Ausreise war auch gepr\u00e4gt von Angst und Schrecken. Noch 50 Jahre sp\u00e4ter erinnerte sich Heinz, der sich l\u00e4ngst Harvey nannte, an eine besonders sadistische Situation in der Mainzer Polizeibeh\u00f6rde. Dort musste er sich den erforderlichen Stempel f\u00fcr seine Ausreisepapiere abholen. Der zust\u00e4ndige Polizeibeamte zwang ihn zuerst den f\u00fcr Juden verbotenen Hitler-Gru\u00df zu zeigen, schlug ihn dann zur Strafe daf\u00fcr und lie\u00df ihn im Anschluss auf Knien um seinen Stempel betteln, bevor er ihn mit einem Fu\u00dftritt aus dem B\u00fcro warf. Seine Einwanderung nach Amerika verdankte Heinz Schl\u00f6sser, ebenso wie seine Schwester Lolo, dem j\u00fcdischen Gesch\u00e4ftsmann Herrn Uhlmann. Dieser hatte f\u00fcr ihn geb\u00fcrgt und so ihm und anderen Juden*J\u00fcdinnen das Leben gerettet.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1019\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Heinz-1937-edited-copy-1019x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5881\" style=\"width:350px\" srcset=\"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Heinz-1937-edited-copy-1019x1024.jpg 1019w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Heinz-1937-edited-copy-298x300.jpg 298w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Heinz-1937-edited-copy-150x150.jpg 150w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Heinz-1937-edited-copy-768x772.jpg 768w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Heinz-1937-edited-copy-1528x1536.jpg 1528w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Heinz-1937-edited-copy.jpg 1779w\" sizes=\"auto, (max-width: 1019px) 100vw, 1019px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em><sup>Heinz Schl\u00f6sser 1937 \u00a9 privat<\/sup><\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Mit 10 Mark in der Tasche kam Heinz Schl\u00f6sser im April 1938 mit der S.S. Manhattan in New York an. Dort wohnte er f\u00fcr ein paar Wochen bei seiner Tante Lina und ihrem Mann Isidor, bevor er weiter zu seiner Schwester und ihrem Mann nach Kansas City fuhr. In der ersten Zeit wohnte er bei Lolo und Kurt Mann. Lolo hatte bereits die ersten Aushilfsstellen f\u00fcr Heinz organisiert, sodass Heinz Schl\u00f6sser schnell in ein m\u00f6bliertes Zimmer ziehen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer Stelle als Lagerarbeiter bei Lee Wald Garment Company, einer Firma f\u00fcr Jungenbekleidung, einer g\u00fcnstigen Miete und ausgestattet mit ausreichend Kleidern von seinen Eltern, konnte er sogar noch etwas von seinem Lohn sparen. Damit ging er gerne ins Kino, statt in die Abendschule, wie Lolo und seine Eltern annahmen. Im Kino erweiterte er seine Englischkenntnisse durch S\u00e4tze wie \u201eYour money or your life\u201c und im Drugstore um die Ecke lernte er Eiscreme, Milchshake und Deodorant kennen. Freunde fand er auch, wie z. B. seinen besten Freund Libby Turini, der ihm das Autofahren beibrachte, mit ihm in den Urlaub fuhr und \u00fcberhaupt eine wichtige Rolle bei seiner Amerikanisierung spielte.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Heinz und Lolo sich langsam in der neuen Welt zurechtfanden, waren ihre Eltern Ernst und Bertha massiven Einschr\u00e4nkungen ausgesetzt. 1940 wurden sie zwangsweise in ein sogenanntes \u201aJudenhaus\u2018 in der Kaiserstra\u00dfe 32 umgesiedelt. Sie lebten auf engstem Raum in einem Zimmer mit einer K\u00fcche, die sie auch als Bad nutzen mussten. Nichtsdestotrotz engagierte sich Ernst Schl\u00f6sser weiter und arbeitete als Bezirksstellenleiter zur Betreuung der Juden in Mainz. Als sie 1941 in ein anderes \u201aJudenhaus\u2018 in der Hindenburgstra\u00dfe 38 umziehen mussten, entschloss sich Ernst, mit seiner Frau Bertha das Land zu verlassen. Sein Bruder Alfred war schon im Juni 1939 nach S\u00fcdafrika geflohen, seine Schwester Lina lebte bereits in New York.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 28. Oktober 1941 beantragte Ernst Schl\u00f6sser die Reisep\u00e4sse beim Polizeipr\u00e4sidenten der Stadt Mainz und bat den Oberb\u00fcrgermeister um die Genehmigung, seinen Wohnsitz und den seiner Frau ins Ausland verlegen zu d\u00fcrfen. Er plante Anfang Dezember \u00fcber Kuba nach Amerika zu emigrieren, da die amerikanischen Konsulate in Deutschland geschlossen waren. Aber die Auflagen der Beh\u00f6rden waren hoch und die politische Situation f\u00fcr die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung spitzte sich immer weiter zu. Ernst und Bertha Schl\u00f6sser mussten in k\u00fcrzester Zeit Reisep\u00e4sse, Ausreisegenehmigung, Unbedenklichkeitsbescheinigungen und andere Unterlagen von den unterschiedlichsten Stellen organisieren. Der Oberb\u00fcrgermeister sagte zwar dem Reichsstatthalter in Hessen zu, auf die Erf\u00fcllung der Voraussetzungen f\u00fcr die Ausreise zu achten, aber schlie\u00dflich war es der Polizeipr\u00e4sident in Mainz, der Ernst und Bertha Schl\u00f6sser die erforderlichen Reisep\u00e4sse Ende November verweigerte. Damit erhielten die Schl\u00f6ssers auch nicht den notwendigen Ausreisesichtvermerk durch den Reichsstatthalter und der Oberb\u00fcrgermeister konnte die Verlegung des Wohnsitzes ins Ausland nicht genehmigen. Am 11. Februar 1942 schloss er die Akte Schl\u00f6sser ab. Am 20. M\u00e4rz 1942 wurden Ernst und Bertha Schl\u00f6sser nach Piaski deportiert. Zu diesem Zeitpunkt war Ernst 58 Jahre alt und Bertha 55. \u00dcber ihr Schicksal ist nichts Genaues bekannt Es ist aber anzunehmen, dass Bertha wegen ihres Diabetes den Transport nicht \u00fcberlebt hat. Zudem herrschten im Ghetto in Piaski unmenschliche Bedingungen in eisiger K\u00e4lte und Schnee. Ernst arbeitete selbst dort noch f\u00fcr den Judenrat, bevor er im November 1942 nach Sobibor deportiert wurde. Im Juni 1950 setzte das Amtsgericht Mainz den Tod von Ernst und Bertha Schl\u00f6sser auf den 1. M\u00e4rz 1943 fest.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"817\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Harvey-in-the-Army-formal-portrait-copy-2-817x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5882\" style=\"width:350px\" srcset=\"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Harvey-in-the-Army-formal-portrait-copy-2-817x1024.jpg 817w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Harvey-in-the-Army-formal-portrait-copy-2-239x300.jpg 239w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Harvey-in-the-Army-formal-portrait-copy-2-768x962.jpg 768w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Harvey-in-the-Army-formal-portrait-copy-2-1226x1536.jpg 1226w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Harvey-in-the-Army-formal-portrait-copy-2-1635x2048.jpg 1635w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Harvey-in-the-Army-formal-portrait-copy-2-120x150.jpg 120w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Harvey-in-the-Army-formal-portrait-copy-2-scaled.jpg 2043w\" sizes=\"auto, (max-width: 817px) 100vw, 817px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em><sup>Harvey Schl\u00f6sser in der Uniform der US-Armee \u00a9 privat<\/sup><\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Ihr Sohn Heinz hatte sich bereits im Dezember 1940 bei der amerikanischen Armee verpflichtet. Da er zu der Zeit noch unter dem Einberufungsalter lag und das Einverst\u00e4ndnis seiner Eltern brauchte, hatte sich Lolo Schl\u00f6sser als seine Mutter ausgegeben und den Bescheid unterschrieben. Heinz wurde zun\u00e4chst an allen Waffen ausgebildet, arbeitete sich zum Ausbilder im Marschieren und Schie\u00dfen bei der Infanterie hoch und kam im Januar 1945 mit seiner Einheit \u00fcber Frankreich nach Deutschland. Hier \u00fcbersetzt er f\u00fcr seinen Major in den besetzten Gebieten, geriet in Hinterhalte, sah seine Kameraden sterben und erlebte das brennende Mainz, als er mit den amerikanischen Truppen den Rhein \u00fcberquerte. Auch bei der Befreiung des Buchenwald-Au\u00dfenlagers Ohrdruf war er dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Kriegsende arbeitete er als \u00dcbersetzer bei einem Standgericht, kam zum Bataillon f\u00fcr Aufkl\u00e4rung und Nachrichtendienst und befragte einige Nazi-Gr\u00f6\u00dfen im Auftrag der amerikanischen Armee. Sp\u00e4ter verfolgte er alle Prozesse. \u00dcber das leidvolle Schicksal seiner Eltern erfuhr er erst 1990 bei einem Besuch in Mainz und h\u00f6rte, welchem Hass sie ausgesetzt und wie grausam sie zur Deportation zusammengetrieben worden sein mussten.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl Heinz als junger Soldat mit gro\u00dfem Leid, Todes\u00e4ngsten und sogar mit Antisemitismus konfrontiert war, empfand er die Armee als zweite Familie. Dort erlebte er Abenteuer, fand Kameradschaft und lernte \u00fcber das Leben und seine Unwegsamkeiten. Als er dank eines wohlwollenden Vorgesetzen f\u00fcr kurze Zeit seinen Milit\u00e4rdienst gegen das College tauschen durfte, lernte er seine k\u00fcnftige Frau Pat kennen. Sie verlobten sich nach kurzer Zeit und nach dem Austritt aus der Armee am 23. Dezember 1945 heirateten sie eine Woche sp\u00e4ter am 31. Dezember 1945.<\/p>\n\n\n\n<p>Was dann folgte, h\u00f6rt sich wie der amerikanische Traum an. Heinz Schl\u00f6sser wurde trotz fehlender Schulbildung \u2013 er hatte in Mainz lediglich die 8. Klasse besucht \u2013 im Januar 1946 an der Universit\u00e4t von Oklahoma aufgenommen. Dort absolvierte er College und Studium und wurd promovierter Psychiater und Psychoanalytiker an der Menninger Klinik in Topeka, Kansas. Mit seiner Frau Patricia, einer sp\u00e4teren Kinder\u00e4rztin, bekam er f\u00fcnf Kinder und f\u00fchrte nach eigenen Aussagen ein gl\u00fcckliches Leben. Zu seiner Heimatstadt Mainz behielt er ein positives Verh\u00e4ltnis. Er verbrachte Urlaube in Deutschland und zeigte seiner Familie die St\u00e4tten seiner Kindheit. Zum Judentum, das er h\u00e4ufig als Makel und Anlass f\u00fcr Diskriminierung erlebt hatte, fand er nicht mehr zur\u00fcck. Heinz starb 2016 im Alter von 92 Jahren. In seiner Autobiografie von 1994 fasst er sein Leben mit einer bewundernswerten positiven Haltung zusammen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p style=\"font-size:17px\">\u201eWenn es keinen Hitler gegeben h\u00e4tte \u2013 w\u00e4re ich in Deutschland geblieben; wenn es keinen Krieg gegeben h\u00e4tte \u2013 h\u00e4tte ich weiterhin als Lagerjunge bei Lee Wald Garment Co. in Kansas City gearbeitet; h\u00e4tte ich nicht Hauptmann Sherman in Ft. Warren, Wyoming, beleidigt \u2013 h\u00e4tte ich vielleicht den ganzen Krieg dort verbracht und K\u00f6che und LKW-Fahrer im Marschieren und Schie\u00dfen ausgebildet; wenn bei meiner Ankunft in Camp Barkley kein Kompaniechef anwesend gewesen w\u00e4re \u2013 w\u00e4re ich ein feindlicher Ausl\u00e4nder geblieben, wenn nicht jemand in derselben Einheit festgestellt h\u00e4tte, dass mein IQ etwas h\u00f6her war als der des durchschnittlichen Infanteristen, w\u00e4re ich [\u2026] in Camp Barkley geblieben; wenn es keinen alkoholkranken Feldwebel in der Spezialeinheit der Armee in Stillwater, Oklahoma, gegeben h\u00e4tte, der in meinen Unterlagen gesehen hat, dass ich Ausbilder war \u2013 w\u00e4re ich schnell an ein anderes College versetzt worden; wenn ich nicht beim Schwesternschaftshaus an der Oklahoma A&amp;M Universit\u00e4t Runden gedreht h\u00e4tte \u2013 h\u00e4tte mich Pat vielleicht nicht bemerkt, die ein Blind Date arrangierte, und mein Leben w\u00e4re eine leere, einsame Erfahrung gewesen.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<br>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"726\" src=\"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Schloesser_Bertha_Ernst_Heinz-1024x726.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5922\" style=\"width:750px\" srcset=\"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Schloesser_Bertha_Ernst_Heinz-1024x726.jpg 1024w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Schloesser_Bertha_Ernst_Heinz-300x213.jpg 300w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Schloesser_Bertha_Ernst_Heinz-768x545.jpg 768w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Schloesser_Bertha_Ernst_Heinz-1536x1089.jpg 1536w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Schloesser_Bertha_Ernst_Heinz-2048x1452.jpg 2048w, https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Schloesser_Bertha_Ernst_Heinz-150x106.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<br>\n\n\n\n<p>Text: Christine Schwarz <\/p>\n\n\n\n<p>Redaktionelle Bearbeitung: HdE<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<br>\n\n\n\n<p>Der Stolpersteine f\u00fcr die Familie Schl\u00f6sser wurden am 8. September 2025 in der Leibnizstra\u00dfe 35 verlegt.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<iframe src=\"https:\/\/www.google.com\/maps\/embed?pb=!1m18!1m12!1m3!1d2564.215401472815!2d8.25622247622222!3d50.00731637151102!2m3!1f0!2f0!3f0!3m2!1i1024!2i768!4f13.1!3m3!1m2!1s0x47bd96fbdcd6c32f%3A0xd38e9ada17b19848!2sLeibnizstra%C3%9Fe%2035%2C%2055118%20Mainz!5e0!3m2!1sde!2sde!4v1771585533522!5m2!1sde!2sde\" width=\"600\" height=\"450\" style=\"border:0;\" allowfullscreen=\"\" loading=\"lazy\" referrerpolicy=\"no-referrer-when-downgrade\"><\/iframe>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bertha Schl\u00f6sser, geb. Stern Ernst Schl\u00f6sser Heinz Leopold Schl\u00f6sser Ernst Schl\u00f6sser wurde am 16. Januar 1884 als j\u00fcngstes von vier Kindern des Viehh\u00e4ndlers David Schl\u00f6sser und seiner Frau Karoline (geb. Rothschild) in S\u00f6rgenloch geboren. Nach der Volksschule besuchte er die Oberrealschule in Mainz, die er mit der mittleren Reife abschloss&#8230;.<\/p>\n<p> <a class=\"continue-reading-link\" href=\"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/stolpersteine-in-mainz\/biografien\/bertha-ernst-heinz-schloesser\/\"><span>mehr Infos<\/span><i class=\"crycon-right-dir\"><\/i><\/a> <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":104,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"class_list":["post-5903","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5903","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5903"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5903\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5927,"href":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5903\/revisions\/5927"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/104"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5903"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}