{"id":1851,"date":"2021-03-22T18:08:24","date_gmt":"2021-03-22T17:08:24","guid":{"rendered":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/?post_type=glossary&#038;p=1851"},"modified":"2021-03-22T18:23:51","modified_gmt":"2021-03-22T17:23:51","slug":"alldeutscher-verband","status":"publish","type":"glossary","link":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/stolpersteine-in-mainz\/glossar\/alldeutscher-verband\/","title":{"rendered":"\u201eAlldeutschen Verbandes\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#aec2d4\">Der \u201eAlldeutsche Verband\u201c wurde 1891 als \u201eAllgemeiner Deutscher Verband\u201c gegr\u00fcndet und 1894 dann in \u201eAlldeutscher Verband\u201c umbenannt. Er hatte von 1891 bis 1939 Bestand und galt als einer der f\u00fchrenden radikal nationalistischen und v\u00f6lkisch-rassistischen Verb\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Verband verfolgte als Ziel die Expansion des Kaiserreichs durch eine imperialistische Kolonialpolitik, den Ausbau der Flotte, die sich zugunsten des Landheeres in Preu\u00dfen bisher immer im Hintergrund befunden hatte, sowie einen best\u00e4ndigen Nationalismus, der radikal das sogenannte \u201aDeutschtum\u2019 voranbringen und damit einhergehend Minderheiten zur\u00fcckdr\u00e4ngen sollte. Die Strategie des Verbandes wurde bereits kurze Zeit nach der Gr\u00fcndung zunehmend antisemitisch und der Verband bereitete mit seinen ideologischen Zielen dem Nationalsozialismus den Boden. Urspr\u00fcnglich wurde der \u201eAlldeutsche Verband\u201c aufgrund des \u201eHelgoland-Sansibar-Vertrages\u201c zwischen dem deutschen Kaiserreich und Gro\u00dfbritannien ins Leben gerufen. Der Vertrag sollte die Frage nach den Hoheitsanspr\u00fcchen im sowohl vom Kaiserreich als auch Gro\u00dfbritannien kolonialisierten Afrika und die \u00dcbergabe von Helgoland an das Deutsche Kaiserreich seitens Gro\u00dfbritannien regeln. Viele Gegner des \u201eHelgoland-Sansibar-Vertrags\u201c schlossen sich zun\u00e4chst zum \u201eAllgemeinen Deutschen Verband\u201c zusammen, um den geplanten Vertrag zu verhindern und um sich eine antibritische Haltung zu bewahren. Schnell manifestierte sich die Marschrichtung des Verbandes: ein v\u00f6lkisch-antisemitischer Nationalismus bildete sich heraus und es entstand eine \u201aneue Rechte\u2019, die zum Teil noch weiter rechts als die Regierung selbst positioniert war. Bekannte Mitglieder waren unter anderem Felix Dahn und Ernst Haase, die neben dem \u201eAlldeutschen Verband\u201c auch noch dem \u201eDeutschen Patriotenbund\u201c angeh\u00f6rten, sowie <a href=\"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/stolpersteine-in-mainz\/glossar\/heinrich-class\/\">Heinrich Cla\u00df<\/a>. Ernst Haase war bis 1908 Vorsitzender des Verbandes und wurde von dem aus Alzey stammenden <a href=\"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/stolpersteine-in-mainz\/glossar\/heinrich-class\/\">Heinrich Cla\u00df<\/a> abgel\u00f6st, der seit 1897 Mitglied des Verbandes war und schnell in dessen F\u00fchrungsstrukturen aufstieg. Cla\u00df stand f\u00fcr einen weiteren au\u00dferparlamentarischen und rechtsnationalistischen Oppositionskurs des Verbandes und konnte unter anderem auch Einfluss auf konservative Parteien aus\u00fcben. Er versammelte viele junge Gleichgesinnte um sich, die das gleiche Denken wie er selbst besa\u00dfen: antisemitisch, antimarxistisch, antidemokratisch, imperialistisch ausgerichtet und verbunden mit einem autorit\u00e4ren Populismus. Sein politisches Programm, das von rassistischem Antisemitismus und darwinistischen Lebensraumvorstellungen gepr\u00e4gt war, ver\u00f6ffentlichte Cla\u00df 1912 unter dem Pseudonym Daniel Frymann in einem Pamphlet mit dem Titel \u201eWenn ich der Kaiser w\u00e4r\u2018. Politische Wahrheiten und Notwendigkeiten\u201c. Die \u00fcberwiegend positive Resonanz auf das Pamphlet der Alldeutschen verdeutlicht, dass die alldeutsche Marschrichtung keinesfalls alleine dastand. Der \u201eDeutsche Flottenverein\u201c von 1898, der \u201eDeutsche Ostmarkenverein\u201c von 1894, der \u201eDeutsche Wehrverein\u201c von 1912, f\u00fcr dessen Gr\u00fcndung sich Cla\u00df mitverantwortlich zeigte, der \u201eDeutsche Bund zur Bek\u00e4mpfung der Frauenemanzipation\u201c von 1912, der \u201eReichshammerbund\u201c von 1912 und der geheime \u201eGermanenorden\u201c von 1912 geh\u00f6rten alle zum breiten Interessensnetz des \u201eAlldeutschen Verbands\u201c. Eine parlamentarische Mehrheit konnten die Alldeutschen und alle mit ihnen vernetzten Verb\u00e4nde nicht erreichen, da ihnen unter anderem die Sozialdemokratie und der Linksliberalismus entgegenstanden. Allerdings breitete sich das extrem nationalistische und antisemitische Gedankengut in der Gesellschaft zunehmend aus. Durch enge Kontakte zu Studentenverbindungen konnte so bereits um 1900 das Ziel erreicht werden, J\u00fcdinnen*Juden aus diesen auszuschlie\u00dfen oder ihnen die Aufnahme zu verweigern. Auch wenn sich der Antisemitismus auf politischer Ebene noch keine Bahn brach, waren judenfeindliche Stereotype in konservativen als auch in (national)liberalen Parteien sowie in der breiten Bev\u00f6lkerung durchaus existent. Der Antisemitismus zeigte sich auch in der Armee. Der Kriegsminister lie\u00df im Oktober 1916 eine Erhebung \u00fcber alle im Heer besch\u00e4ftigten Juden durchf\u00fchren, wohl auch aufgrund des Einflusses des \u201eAlldeutschen Verbands\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges agitierte der \u201eAlldeutsche Verband\u201c unter dem Vorsitz von Cla\u00df gegen die Weimarer Republik. In seiner Propaganda forderte der Verband eine \u201anationale Diktatur\u2018, in der \u2013 mit deutlichem Antisemitismus \u2013 gegen \u201afremdes Volkstum\u2018 vorgegangen werden sollte. Gegen\u00fcber der nationalsozialistischen Bewegung verlor der Verband Ende der 1920er-Jahre zunehmend an Einfluss und schloss sich letztlich am 11. November 1931 der \u201eHarzburger Front\u201c an. Der immer bedeutungsloser werdende \u201eAlldeutsche Verband\u201c wurde im NS-Regime zun\u00e4chst geduldet, im Fr\u00fchjahr 1939 jedoch aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Literaturhinweise:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Berkessel, Hans: \u201eDie Wucherpille\u201c \u2013 ein fr\u00fches antisemitisches Hetzblatt am Ende des 19. Jahrhunderts in Mainz, in: Mainzer Geschichtsbl\u00e4tter. NS-Herrschaft, Verfolgung und Widerstand (2004), H. 13, S. 160\u2013192.<\/p>\n\n\n\n<p>Berkessel, Hans\/ Br\u00fcchert, Hedwig\/ Dobras, Wolfgang\/ Erbar, Ralph\/ Teske, Frank (Hrsg.) Leuchte des Exils. Zeugnisse j\u00fcdischen Lebens in Mainz und Bingen. Mainz 2016, darin bes.: S. 82\u201392.<\/p>\n\n\n\n<p>Erbar, Ralph: Dr. Heinrich Cla\u00df (1868\u20131953) \u2013 ein Wegbereiter des Nationalsozialismus?, in: Meyer, Hans-Georg\/ Berkessel, Hans (Hrsg): Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz, Bd. 1 \u201eEine nationalsozialistische Revolution ist eine gr\u00fcndliche Angelegenheit.\u201c,. Mainz 2000, S. 41\u201349.<\/p>\n\n\n\n<p>Eley, Geoff: Review von: Leicht, Johannes: Heinrich Cla\u00df 1868\u20131953. Die politische Biographie eines Alldeutschen. Paderborn 2012, in: German Studies Review, 38\/1 2015, S. 187\u2013189.<\/p>\n\n\n\n<p>Freytag, Nils: Das Wilhelminische Kaiserreich 1890\u20131914. Paderborn u. a. 2018.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6nnemann, Erwin: Umsturzpl\u00e4ne der Alldeutschen im Jahre 1919 und ihre Haltung zum Kapp-Putsch im M\u00e4rz 1920, in: Zeitschrift f\u00fcr Geschichtswissenschaft (1990), H. 38, S. 438\u2013447.<\/p>\n\n\n\n<p>Kruck, Alfred: Geschichte des Alldeutschen Verbandes 1890\u20131939. Wiesbaden 1954.<\/p>\n\n\n\n<p>Peters, Michael: Der Alldeutsche Verband am Vorabend des Ersten Weltkrieges (1908\u20131914). Ein Beitrag zur Geschichte des v\u00f6lkischen Nationalismus im sp\u00e4twilhelminischen Deutschland. Frankfurt\/Main 1992. Vordermayer, Thomas: Bildungsb\u00fcrgertum und v\u00f6lkische Ideologie. Konstitution und gesellschaftliche Tiefenwirkung eines Netzwerks v\u00f6lkischer Autoren (1919\u20131959), Berlin 2016.<\/p>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/stolpersteine-in-mainz\/glossar\/\">Zur\u00fcck zur \u00dcbersicht<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der \u201eAlldeutsche Verband\u201c wurde 1891 als \u201eAllgemeiner Deutscher Verband\u201c gegr\u00fcndet und 1894 dann in \u201eAlldeutscher Verband\u201c umbenannt. Er hatte von 1891 bis 1939 Bestand und galt als einer der f\u00fchrenden radikal nationalistischen und v\u00f6lkisch-rassistischen Verb\u00e4nde.<\/p>\n<p> <a class=\"continue-reading-link\" href=\"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/stolpersteine-in-mainz\/glossar\/alldeutscher-verband\/\"><span>mehr Infos<\/span><i class=\"crycon-right-dir\"><\/i><\/a> <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"menu_order":0,"template":"","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"class_list":["post-1851","glossary","type-glossary","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/glossary\/1851","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/glossary"}],"about":[{"href":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/glossary"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/glossary\/1851\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1871,"href":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/glossary\/1851\/revisions\/1871"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1851"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}