{"id":1825,"date":"2021-03-22T17:38:09","date_gmt":"2021-03-22T16:38:09","guid":{"rendered":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/?post_type=glossary&#038;p=1825"},"modified":"2021-03-22T17:54:21","modified_gmt":"2021-03-22T16:54:21","slug":"wilhelminischer-staat","status":"publish","type":"glossary","link":"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/stolpersteine-in-mainz\/glossar\/wilhelminischer-staat\/","title":{"rendered":"Wilhelminischen Staat"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#aec2d4\">Der Wilhelminische Staat umfasst die Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. im Deutschen Kaiserreich, das 1871 gegr\u00fcndet wurde. Kaiser Wilhelm II. regierte von 1888 bis 1918, und das Jahr seines Regierungsantritts, 1888, wird auch als \u201aDreikaiserjahr\u2018 bezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaiser Wilhelm I. verstarb am 9. M\u00e4rz 1888 und wurde von Kaiser Friedrich III. abgel\u00f6st, der wiederrum nur einige Zeit nach Regierungsantritt ebenfalls, am 15. Juni 1888, verstarb. Der dritte Kaiser dieses \u201aDreikaiserjahres\u2019, Wilhelm II., trat daraufhin die Nachfolge an. 1890 kam es unter anderem aufgrund der zusammenbrechenden innenpolitischen Machtbasis des Reichskanzlers Bismarck zu dessen R\u00fccktritt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem einstig zersplitterten Deutschland war mit der Reichsgr\u00fcndung 1871 ein einheitlicher Nationalstaat geworden, allerdings nicht mit den in der Revolution von 1848 geforderten Freiheitsrechten und einer demokratischen Verfassung. Das auch von Seiten des preu\u00dfischen Obrigkeitsstaates gef\u00f6rderte Nationalbewusstsein manifestierte sich auch in dem Entstehen von diversen Vereinen der sogenannten \u201aneuen Rechten\u2019, die meist stark antisemitisch gepr\u00e4gt waren. Dar\u00fcber hinaus entstand im Kaiserreich aufgrund des wachsenden Nationalismus auch sukzessive ein starker Militarismus, der viele Menschen begeisterte. 1913 wurde mit der Enth\u00fcllung des V\u00f6lkerschlachtdenkmals in Leipzig an die vor 100 Jahren erfolgreich mit 600.000 Soldaten gewonnene Schlacht gegen Napol\u00e9on erinnert. Neben der Erinnerung an die V\u00f6lkerschlacht von Leipzig waren es unter anderem auch die Einigungskriege von 1864, 1866 und 1870\/71, die ebenfalls den deutschen Militarismus in seiner Extension massiv f\u00f6rderten und pr\u00e4gten. Der weit verbreitete Stolz auf diese milit\u00e4rischen Erfolge spiegelte sich auch im Bildungsbereich wider. Die siegreichen Schlachten wurden so n\u00e4mlich bereits fr\u00fchzeitig im Schulunterricht gelernt und mussten zusammen mit anderen nationalen Daten jederzeit aufgesagt werden k\u00f6nnen. Ab den 1890er-Jahren gab es eine zweij\u00e4hrige verpflichtende Dienstzeit f\u00fcr junge M\u00e4nner im Kaiserreich, wobei die M\u00f6glichkeit bestand, dass Gymnasiasten ihren Dienst in der Armee auf ein Jahr reduzieren konnten, falls sie selbst f\u00fcr Versorgung und Ausr\u00fcstung aufkommen konnten. Zus\u00e4tzlich zu diesem Privileg hatten die jungen M\u00e4nner auch noch die M\u00f6glichkeit, zum Reserveoffizier bef\u00f6rdert zu werden. Viele Juden lie\u00dfen sich vor dem Ersten Weltkrieg von dem deutschen Patriotismus anstecken, wohl unter anderem auch deshalb, um der Diskriminierung und dem immer mehr zunehmenden Antisemitismus entgegenzuwirken. Auch der 1891 geborene Otto Hirsch meldete sich freiwillig zur Teilnahme am Ersten Weltkrieg und wurde 1917 f\u00fcr seine Tapferkeit ausgezeichnet, was ihn unter der NS-Diktatur am Ende jedoch nicht davor bewahrte, als Jude diskriminiert und schlie\u00dflich deportiert zu werden. Das Ziel vieler Juden, durch die Teilnahme am Ersten Weltkrieg aus patriotischen Motiven mehr Anerkennung und weniger Diskriminierung zu erfahren, war sp\u00e4testens nach dem Ersten Weltkrieg gescheitert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbersteigerter Nationalismus und Militarismus fanden im Wilhelminischen Staat Anh\u00e4nger in allen Bev\u00f6lkerungsschichten und zeigten sich auch im allt\u00e4glichen \u00f6ffentlichen Leben. Insbesondere an nationalen Festen oder Umz\u00fcgen, nahmen zahlreiche Kriegervereine, die die Erinnerung an die siegreichen deutschen Schlachten wachhielten, teil. Unmittelbar vor Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 z\u00e4hlten etwa 32.000 Kriegervereine circa 2,8 Millionen Mitglieder, darunter auch viele Reservisten. Die Kriegervereine setzten sich vor allem aus Mitgliedern aus dem Kleinb\u00fcrgertum zusammen, wohingegen lediglich der Adel Zugang zu den h\u00f6chsten F\u00fchrungspositionen hatte. Die Sozialdemokratie, die eine kontr\u00e4re Position zu dem preu\u00dfischen Militarismus einnahm, wurde nicht nur vielerorts von den Organisationen ausgeschlossen, sondern von diesen auch politisch bek\u00e4mpft. Diese Strategie hatte jedoch eher in Preu\u00dfen Erfolg, in den s\u00fcddeutschen Staaten des Kaiserreichs standen oftmals katholisch gepr\u00e4gte Regionen dem Ausleben des preu\u00dfischen Militarismus \u00e4u\u00dferst kritisch gegen\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literaturhinweise: <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Freytag, Nils: Das Wilhelminische Kaiserreich 1890\u20131914. Paderborn u. a. 2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Mommsen, Wolfgang J.: Die latente Krise des Wilhelminischen Reiches. Staat und Gesellschaft in Deutschland 1890-1914, in: Milit\u00e4rgeschichtliche Zeitschrift (MGM), 15 (Juni 1974), H. 1, S. 7\u201328.<\/p>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/stolpersteine-mainz.de\/index.php\/stolpersteine-in-mainz\/glossar\/\">Zur\u00fcck zur \u00dcbersicht<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Wilhelminische Staat umfasst die Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. im Deutschen Kaiserreich, das 1871 gegr\u00fcndet wurde. 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